Die Historie der in Papenburg an der Ems ansässigen Meyer Werft reicht ins Jahr 1795 zurück. Seit sechs Generationen befindet sich die Traditionswerft in Familienbesitz. Die Stadt Papenburg, die sich bei Stellenanzeigen schon einmal als „Deutschlands südlichste Seehafenstadt“ bezeichnet, zählte ursprünglich 23 Werften. Allein die Meyer Werft überlebte das Werftsterben.

Das Unternehmen expandierte in den letzten 20 Jahren auch außerhalb des Emslands. Im Jahr 1997 wurde die zu jener Zeit schwächelnde Neptun Werft in Rostock übernommen, und im Jahr 2015 gelangte die zuvor vom angeschlagenen STX-Konzern betriebene Werft in Turku/Finnland unter die Fittiche der Meyer Werft.

 

Meyer Werft in Papenburg

Frühzeitig spezialisierte sich die Meyer Werft auf bestimmte Schiffstypen. Ihre Homepage nennt Containerschiffe, Fährschiffe, Forschungsschiffe, Gastanker und Tiertransporter. Besondere Wertschätzung genießen die von den Betrieben abgelieferten Kreuzfahrtschiffe für Flüsse und Hochsee. 

Das erste Kreuzfahrtschiff wurde in Papenburg im Jahr 1985 gebaut. Es war die Homeric, die noch heute unter dem Namen Thomson Dream von Thomson Cruises (TUI UK Ltd.) eingesetzt wird. Insgesamt konstruierte und baute Meyer nahezu 40 Kreuzfahrtschiffe für diverse namhafte Reedereien. Unter den Schiffen sind so klangvolle Namen wie die AIDAsol, die Celebrity Equinox, die Disney Dream, die Anthem of the Seas und die 2014 ausgelieferte Norwegian Getaway. Am Standort Papenburg werden derzeit circa 3.100 Arbeitnehmer beschäftigt. Die Schiffe werden in zwei riesigen Baudockhallen gefertigt.

Auch die Neptun Werft arbeitet erfolgreich. Im Jahr 2000 wurden in Rostock-Warnemünde die ersten Flusskreuzfahrtschiffe akquiriert. Circa 500 Mitarbeiter bauen Flusskreuzer und Gastanks sowie Großkomponenten für LPG-Tanker. In der Sparte der Flusskreuzfahrtschiffe gehört Neptun zu den Marktführern.

Neptun Werft in Rostock-WarnemündeFoto©Neptun Werft GmbH & Co. KG

Die seit 2015 voll übernommene Meyer Turku OY-Werft im finnischen Turku besitzt besondere Expertise für den Bau von Eisbrechern, Fähren, Forschungsschiffen, eisgängigen Frachtern, Gastankern, Kreuzfahrt- und Marineschiffen sowie Offshore-Fahrzeugen. Die Werft beschäftigt circa 1.350 Mitarbeiter.

Meyer Turku WerftFoto©Meyer Turku OY

Mittlerweile zum Konzern gereift, sieht sich das Unternehmen durch die in die drei Standorte vorgenommenen Investitionen in der Lage, die für den Bau der Schiffe notwendigen Sektionen in kürzerer Durchlaufzeit mit höherer Qualität herzustellen. Dies verschafft Wettbewerbsvorteile. Vor allem der Papenburger Unternehmensteil darf für sich beanspruchen, eine der modernsten Werften der Welt zu sein. 

Baudockhalle 2      Dimensionen der Baudockhalle

Die Norwegian Getaway in der Baudockhalle 2

Mittels modernster Computertechnologie werden vor Baubeginn die Konstruktionspläne gefertigt. Bereits in der Planungsphase sorgen Computer-Simulationen für Klarheit, ob die vom Auftraggeber angedachten und gewünschten Innovationen praktisch umgesetzt werden können. Gedruckte Baupläne sind nahezu passé. Die Fertigungsstufen sind digitalisiert abrufbar. Effizientes Produzieren ist gewährleistet. Die Zeit, in der Schiffe auf Helgen mit Schweißgeräten und Niethämmern von Hand gebaut wurden, liegt lang zurück. Auch die interne Logistik ist computergestützt. Der Materialfluss optimiert die Transportwege und sorgt dafür, dass Bauteile Just-in-Time im Baudock eintreffen. Das alles führt zu Produktivitätssteigerungen und Kostenreduzierungen und macht die Werften der Gruppe wettbewerbsfähig.

Kontrollzentrum der Brennschneidemaschinen     Brennschneidemaschine in Aktion

Im Besucherzentrum in Papenburg können Besucher den Bau von Kreuzfahrtschiffen aus nächster Nähe verfolgen. Das Besucherzentrum wurde 2015 neugestaltet. Auf 3.500 m² Fläche werden die Schaulustigen über Schiffbau und Kreuzfahrt informiert. Von zwei Besuchergalerien blicken die Schaulustigen auf die Schiffsneubauten hinunter. Jährlich nutzen etwa 250.000 Besucher die Gelegenheit, dem Bau von Kreuzfahrtschiffen vor Ort beizuwohnen. Besuche können unter www.papenburg-tourismus.de gebucht werden. 

Aufgang zum Besucherzentrum

Vorfertigungshalle

Als Familien-Unternehmen nennt Meyer verständlicherweise nur soviel an Unternehmenszahlen wie notwendig. Fakt ist, dass der Papenburger Betriebsteil bis ins Jahr 2020 mit Aufträgen für den Bau von Kreuzfahrtschiffen voll ausgelastet ist. Und selbst der deutsche Marktführer AIDA Cruises ist nach einem offenbar nicht ganz zufriedenstellenden Ausflug zur Mitsubishi-Werft in Osaka wieder als Besteller innovativer Schiffe nach Papenburg zurückgekehrt. Im Juni 2015 bestätigte AIDA Cruises den Bau von vier Mega-Kreuzfahrtschiffen. Zwei der Schiffe werden in Papenburg gebaut. Als Ablieferungstermine gelten 2019 und 2020. Die beiden anderen Schiffe entstehen im finnischen Betriebsteil Meyer Turku Oy. Das gesamte Auftragsvolumen der mit jeweils 180.000 BRZ vermessenen Schiffe bewegt sich im Milliardenbereich. Als erste Kreuzfahrtschiffe überhaupt sollen die vier Neubauten mit LNG (Flüssiggas) betrieben werden. Damit dürfte allen wohlgetan sein: der Umwelt, den Passagieren und der Werft, die mit diesen Aufträgen zusätzliches Know-how generieren kann.

So geht Schiffbau

(Karl Beyer – aktualisiert Juli 2015)

Autor: Karl W. P. Beyer
Redakteur