Aberdeen, die drittgrößte Stadt Schottlands, ist eine der vier Destinationen, die unser Kreuzfahrtschiff, die Costa Favolosa, während einer einwöchigen Reise nach Nordengland und Schottland anläuft. Bereits vorab sei gesagt: Aberdeen ist mit mehr als 220.000 Einwohnern eine echte Großstadt. Ihre zahlreichen Sehenswürdigkeiten lassen sich keinesfalls in einem einzigen Tag erschließen.
Wo legen Kreuzfahrtschiffe in Aberdeen an?
Kleine Passagierschiffe und Fähren legen im Mündungsgebiet des River Dee unweit des Zentrums an. Für große Kreuzfahrtschiffe wie die Costa Favolosa steht der neue South Harbour bereit. Einladend wirkt er nicht: Betonmolen, Bohrinseln, Versorger der Bohrinseln, Kräne – ein Kreuzfahrtterminal fehlt. Stattdessen heißt es, in die obligatorischen Shuttlebusse zu steigen, die die Gäste aus dem Hafen herausbringen. An grauen Regentagen mag dieser Ort trist wirken. Wir haben jedoch Glück: Die Sonne begleitet uns bei unserem Landgang in die „Granitstadt“

Aberdeen - Versorgungsschiffe der Bohrinseln
Hafenshuttle und Bustickets
Wie so oft unternehmen wir unseren Landgang auf eigene Faust. Zuvor haben wir uns gründlich auf unser Tagesziel vorbereitet. Unsere Wahl fällt auf den „Aberdeen Adventurer“, einen Hop-on-Hop-off-Bus, der jedoch nur alle 90 Minuten fährt. Tickets kaufen wir direkt am Kai, anschließend bringt uns der Shuttlebus ins Zentrum.

Aberdeen - Anstehen am Hafen
Castlegate – Aberdeens historisches Herz
Am Bus Stop Guild Street verlassen wir den Bus und gehen wenige Minuten bis zur Union/Castle Street. Dort präsentiert sich uns erstmals der Glanz der Granitstadt.
Das Rathaus und der Sheriff Court – das Oberste Gericht – sind der Blickfang der von der Union Street in die Castle Street übergehenden Hauptstraße. Von außen ist nicht zu erkennen, welcher Teil des beeindruckenden Bauwerks zum Rathaus oder zum Gericht gehört, doch das ist verzichtbar. Der Bau wirkt ohnehin nur als Ganzes.

Aberdeen - Rathaus und Sheriff Court
Die offene Bogenkonstruktion des Mercat Cross von 1686 ist ein Renaissance-Bau. Er diente einst als Ort öffentlicher Verkündigungen – hier wurden neue Könige ausgerufen und das Marktgeschehen geregelt.

Aberdeen - Mercat Cross
Shiprow und Marischal College
Hop-on-Hop-off-Busse starten auf Höhe des Marischal College. Ein kurzer Abstecher führt zuvor in die Shiprow, eine der ältesten Straßen Aberdeens, die in ihrer Glanzzeit den Hafen mit dem Zentrum verband. Heute säumen sie Teile des Maritime Museums, Pubs, Restaurants und moderne Freizeitangebote. Wenige Schritte weiter erhebt sich das monumentale Marischal College – Dem Vernehmen nach das zweitgrößte Granitgebäude der Welt und zugleich Startpunkt der Hop-on-Hop-off-Tour.
Ein Wandgemälde der Initiative „Nuart Aberdeen“ fällt uns ins Auge: Uniformierte reiten auf Straußen – ein skurriles Motiv, das nicht alltäglich ist. Wir wollen hoffen, dass solches nicht im Alltag geschieht.

Aberdeen - Mural
Dann hält der Rundfahrtbus vor unserer Nase, der uns zu unserem zweiten Ziel, dem Haltepunkt am King’s College bringt. Auf dem Weg sehen wir einige Sehenswürdigkeiten von Aberdeen: Provost (Bürgermeister) Skene’s House, Denis Law Statue, „the original BrewDog pub“ und anderes mehr. Für diese Dinge fehlt uns die Zeit. Uns lockt die „Cathedral Church of St. Machar“, die mittelalterliche Kathedrale.
King’s College
Am Haltepunkt King’s College verlassen wir den Bus und spazieren in nördlicher Richtung durch Old Aberdeen, einen vorwiegend grünen Stadtteil. Das bemerkenswerte Bau-Ensemble des King’s College mit den weitläufigen Grünflächen ist Aberdeens zweite und ältere Universität.

Aberdeen - King's College
Auffallend ist der an der Straße errichtete Kenotaph, ein Scheingrab, das an Bischof William Elphinstone erinnert, den Gründer der Universität. Zu seinem 400. Todesjahr (1914) sollte ein fein gearbeitetes Denkmal errichtet werden, das jedoch erst im Jahr 1931 vollendet war. Statt wie ursprünglich geplant, wurde davon abgesehen das Denkmal in der zur Universität gehörenden Kirche aufzustellen. Vor dem Eingangsbereich fand es einen würdigen Platz.
Aberdeen -Kenotaph des Bischofs Elphinstone
Auf dem ungefähr 800 Meter langen Weg zur Kathedrale passieren wir noch das Old Town House. Der Name verrät: Das gegen Ende des 18. Jahrhunderts errichtete Gebäude war einst das Rathaus von Old Aberdeen. In der Gegenwart ist es der Standort des von der Universität betriebenen King’s Museums.

Aberdeen - The Old Town House
St. Machar’s Kathedrale
Dann endlich erreichen wir die St. Machar’s Kathedrale. Deren Ursprünge reichen bis ins 6. Jahrhundert zurück. Der Legende nach gründete der Heilige Machar diese Kirche in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts. Zur Kathedrale wurde das Gotteshaus im 12. Jahrhundert geweiht.
Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurde die Kirche sukzessive erweitert. Sie besitzt Zwillingstürme und wirkt von der Anlage her wie eine befestigte Kirche. Sie besitzt schöne Buntglasfenster und im Mittelschiff eine heraldische Decke mit Wappen schottischer Könige, Grafen und Bischöfe.
Beeindruckend sind nicht nur die massiven Granitmauern, sondern auch die detailreichen Grabmäler. Direkt daneben lädt der Seaton Park mit alten Bäumen und ruhigen Wegen zu einer kurzen Pause ein.
Bei etwas mehr Zeit, hätten wir die markante über den Fluss Don führende mittelalterliche Brig o‘ Balgownie – eine Steinbrücke aus dem 13. Jahrhundert – besucht. Genügend Zeit fehlt uns aber; es gilt, zur Haltestelle des Hop-on-Hop-off-Busses zurück zu gehen. Busse warten bekanntlich nicht.
Zurück ins Zentrum – vorbei an Strand, Kultur und Parks
Die Busroute führt weiter durch Old Aberdeen, danach zum Pittodrie Stadium des FC Aberdeen und zum Aberdeen Beach mit seiner Promenade, dem traditionsreichen „Beach Ballroom“ und dem typisch britischen Codonas Amusement Park.

Aberdeen - River Dee
Später folgen der ehemalige Fischerort Footdee (Fittie) und das Gebiet des North Harbour. Bald danach erreichen wir wieder das Stadtzentrum.

Aberdeen - Regent Quay
Union Terrace Gardens und ihre Umgebung
Unser abschließendes Ziel, sind wichtige Bauwerke und eine Parkanlage im Stadtbild Aberdeens, wie die berühmte Art Gallery und His Majesty’s Theatre sowie die Union Terrace Gardens.
Aberdeen Art Gallery und His Majesty’s Theatre
Im Jahr 1885 wurde die Aberdeen Art Gallery eröffnet, die 2019 eine millionenschwere Schönheitskur erfuhr. Die Kunstgalerie ist spezialisiert auf Kunstwerke impressionistischer internationaler Künstler sowie viktorianische und schottische Gemälde. Daneben werden Keramik-, Möbel-, Glas- und Silbersammlungen ausgestellt.

Aberdeen - Art Gallery
Wenige Meter von der Kunstgalerie entfernt ragt His Majesty’s Theatre auf. Das Bau-Juwel von 1906 gilt als größtes Theater im Nordosten Schottlands. Zwischen 2003 und 2005 erfuhr der Bau grundlegende Sanierungen und Erweiterungen.
Neben dem Theater steht die im gotischen Stil erbaute Saint Marks Church. Auffällig sind ihre vier Säulen und der von einer Kuppel gekrönte Turm. Dem Theater gegenüber steht die imposante William-Wallace-Statue. Sir Wallace, ein schottischer Ritter, war einer der Anführer während des Ersten Schottischen Unabhängigkeitskriegs. Er geriet im Jahr 1305 in Gefangenschaft und wurde hingerichtet.
Union Terrace Gardens und Triple Kirks
Das Parkgelände liegt in einer Senke. Über Treppen steigen wir hinab in die Union Terrace Gardens und genießen von dort den Blick auf die hoch aufragenden Granitbauten. – Auch das fotogene Aberdeen Sign fehlt nicht. Was die Parkanlage selbst anbelangt: Nach jahrelanger Verwahrlosung und einem kostspieligem Investment – genannt werden 29 Millionen Pfund – befinden sich gegenwärtig die Union Terrace Gardens in einem vorzüglichen Zustand.

Aberdeen - Union Terrace Gardens
Wir verlassen den Park in Richtung His Majesty’s Theatre und folgen wegen der sich bietenden Aussicht der höher gelegenen Straße „Union Terrace Gardens“. Auf dieser Ebene sehen wir nicht nur ein Standbild des schottischen Nationaldichters Robert Burns sondern auf der andere Seite der Parkanlage auch die Reste der Triple Kirks, mit denen es eine besondere Bewandtnis hat: Der Name „Triple Kirks“ (dt. etwa „Dreifach-Kirchen“) geht darauf zurück, dass das Bauwerk ursprünglich drei separate Kirchen unter einem Dach beherbergte – jede mit ihrem eigenen Prediger und einer eigenen Gemeinde. Im Laufe der Zeit verloren die Kirchen ihre Bedeutung, sie wurden aufgegeben und verfielen. Lediglich der Turm blieb als geschütztes Denkmal erhalten. Heute ist der von hohen Gebäuden eingerahmte, wie gestützt wirkende Turm ein markanter, aber auch mahnender Bestandteil der Stadt.
Und noch etwas: Blickt der Betrachter von den Triple Kirks weiter nach rechts, erschließt sich ihm ein wesentlicher Teil des historischen Stadtpanoramas.

Aberdeen - City Centre
Rückkehr zum Hafen
Von den Gardens aus führt uns der Weg zurück zur Guild Street, wo einer der Shuttle-Busse bereits auf die Rückfahrt zum South Harbour wartet.
Fazit
Aberdeen beeindruckt mit imposanter Granitarchitektur, traditionsreichen Kirchen und gepflegten Parkanlagen. Schade nur, dass die Intervalle des Hop-on-Hop-off-Busses mit 90 Minuten zu lang ausfallen – wer nur einen Tag Zeit hat, muss sich zwangsläufig sputen und zugleich beschränken. Dennoch bleibt die Stadt in guter Erinnerung: Sie ist grün, weitläufig und wirkt kaum wie eine Metropole mit mehr als 220.000 Einwohnern.
September 2025













