Ein Tag in Belfast


Wie geplant dockt MS Astor am 21. Juni 2013 um 8:00 Uhr an der Stormont Wharf in Belfast. Der Liegeplatz ist wenig attraktiv; sein Vorteil ist aber, dass die Entfernung zur Innenstadt gerade einmal drei Kilometer beträgt. Die Belfaster Touristeninformation informiert schon an Bord des Schiffes jene Passagiere, die Belfast auf eigene Faust erkunden möchten. Ein freundlicher Mensch überreicht uns eine gute Stadtkarte und gibt uns zusätzliche Informationen. Einen vergleichbaren Service erhalten Besucher im Belfast Welcome Centre am 47 Donegall Place. Die Stadt Belfast organisiert außerdem einen kostenlosen, halbstündig verkehrenden Shuttlebus zur City Hall.

Belfast - Ladengeschäfte am Donegall Place

Belfast ist unsere letzte Station. Wir verlassen heute die MS Astor, um von Belfasts innerstädtischen Flughafen nach London Heathrow und von dort weiter nach Frankfurt zu fliegen. Um die Mittagszeit geht unser Flugzeug. Wir hätten unser Gepäck mitnehmen und im Belfast Welcome Centre unterstellen können, während wir uns die Stadt anschauen. Wegen der überschaubaren Distanz zwischen dem Liegeplatz des Schiffes und dem Flughafen entscheiden wir uns für die Abholung des Gepäcks vor dem Abflug.

Vor der Reise haben wir einen Plan gemacht, den wir konsequent verfolgen werden. Mit einer der wartenden Taxen fahren wir ruckzuck ins Zentrum Belfasts. Der Fahrer geizt während der Fahrt nicht mit Informationen. Die Fahrt kostet uns akzeptable acht Pfund. Die 280.000-Einwohner-Stadt wirkt sehr kompakt. Wenn wir nicht herumtrödeln, „schaffen“ wir Belfast in zwei Stunden.

Während des Nordirlandkonflikts, den euphemistisch „troubles“ bezeichneten Unruhen, hätten wir nicht in Belfast leben wollen. Das Karfreitagsabkommen des Jahres 1998 befriedete mit Erfolg die Region und das Außenverhältnis zur Republik Irland und zu Großbritannien. Die Lage wird inzwischen als entspannt angesehen. Die jährlich circa 7,5 Millionen Besucher Belfasts müssen sich um ihre Sicherheit nicht sorgen.

Belfast - City HallWir starten unseren Stadtrundgang in Höhe des Belfast Welcome Centre am Donegall Place. Vor uns liegt Belfasts City Hall. Der repräsentative Bau ist von vier Ecktürmen umgeben, die jeweils von einer kleinen Kuppel gekrönt werden. Dominiert wird das Rathaus von einer 53 Meter hohen, von Säulen getragenen Kuppel.

Eine Parkanlage umgibt das Gebäude. Im Park fällt uns The Belfast Cenotaph auf. Das den im Ersten Weltkrieg gefallenen Söhnen der Stadt gewidmete Kriegerdenkmal besteht aus einem gewaltigen Steinblock. Eingegrenzt wird dieser von einer geschwungenen Säulenreihe.

Belfast - Belfast Cenotaph

Zwei Blocks weiter betreten wir die Great Victoria Street. Wir wollen das Europa Hotel sehen, Europas am häufigsten mit Bomben attackiertes Hotel. Der Belfast Telegraph schrieb im August 2011 über das Hotel, dass es insgesamt 33 mal von IRA-Bomben in den Jahren zwischen 1970 und 1994 beschädigt wurde. Mittlerweile hat es an Sicherheit gewonnen. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton nächtigte in den Jahren 1995 und 1998 als einer der prominentesten Gäste zweimal in dem Hotel. Zuvor war es im Jahr 1993 das letzte Mal so heftig attackiert worden, dass es generalüberholt werden musste.

Belfast - Europa Hotel

Auch das benachbarte Grand Opera House nahm Schaden. Es wurde mehrfach von Bomben beschädigt, die eigentlich dem Hotel galten. Die Restaurierungsarbeiten sorgten immer wieder für neuen Glanz. – Als Opernfreunde die wir nun einmal sind, haben wir schon eine große Anzahl alter und moderner Theater und Opernhäuser von außen und innen gesehen. Das Belfaster Mehrspartenhaus verblüfft uns ob seines Aussehens. Der mehr als 1.000 Zuschauer fassende Bau entstammt den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts. Es wurde im schönsten Zuckerbäckerstil gebaut. Orientalische Elemente geben dem Gebäude ein besonderes Gepräge.

Belfast - Robinson's LoungeDem Europa Hotel gegenüber liegt der verschwenderisch dekorierte Crown Liquor Saloon. Der ausschließlich von Spenden finanzierte National Trust, dessen Aufgabe die Bewahrung historischer Bauwerke und Plätze ist, betreibt dieses Etablissement. Der Saloon gilt als der älteste Pub Nordirlands. Beleuchtet wird er stilecht mit Gaslicht. Die Wandbeläge des Restaurants im ersten Stockwerk stammen von der HMHS Britannic, dem Schwesterschiff der RMS Titanic. Für die Seefahrer unter uns: Das Schiff diente während des Ersten Weltkriegs als Hospitalschiff und ging 1916 nach einem Minentreffer in der Ägäis verloren. Nebenan empfiehlt sich noch ein Pub, die im Jahr 1895 gegründete Robinson’s Bar.

Belfast - Turmspitze des Presbyterian Assembly BuildingAn der Ecke Great Victoria Street/Howard Street liegt das Presbyterian Assembly Building. Das dreigeschossige Gebäude wurde 1905 errichtet. Ursprünglich nutzte es die Presbyterianische Kirche Irlands als Hauptverwaltung. Der Baustil lehnt sich an ein feudales schottisches Schloss an. Zum Bau gehört ein 40 Meter hoher Glockenturm mit einem aus 12 Glocken bestehenden Glockenspiel. Im Jahr 1992 wurde das Assembly Building saniert. Das Erdgeschoss nimmt eine Ladenzeile ein. Angeschlossen ist ein Ausstellungs- und Tagungsbereich.

Nur wenig entfernt steht am College Square East noch ein repräsentatives Gebäude. Zwei Türme und eine Reihe von Säulen flankieren die Außenfront. Es ist das ehemalige Hauptquartier des Municipal Technical Institute. Es ist nur eines der vielen historischen und repräsentativen Bauwerke, die man vielerorts in Belfast sehen kann.

Belfast - Metropolitan College

Wir gehen erneut in Richtung des Rathauses. Kurz davor liegt auf der anderen Straßenseite Linen Hall Library. Die älteste Bibliothek Belfasts durfte im Jahr 2013 ihren 225. Jahrestag feiern. Linen Hall ist spezialisiert auf die Geschichte Nordirlands und die bewaffneten Auseinandersetzungen. Außerdem besitzt die Bibliothek ein umfangreiches Theaterarchiv.

Belfast - Linen Hall Library

Belfast - St Mary's ChapelBelfast - Our Lady of Lourdes Grotte Unser nächstes Ziel ist die Kathedrale. Dazu gehen wir durch Fountain Street, halten uns an der Castle Street links und dann gehen wir rechts in die Chapel Lane hinein. Dort passieren wir St Mary’s Church und St Mary’s Art Grotto & Rose Garden. Die Kirche besitzt eine Our Lady of Lourdes gewidmete Grotte. In ihr werden der Marienerscheinungen von Lourdes, Knock/Nordirland und Fatima gedacht.

Belfast - Royal AvenueDer Weg zur Kathedrale führt uns durch ein großes Einkaufszentrum, das wir zur Abkürzung nutzen. An der Royal Avenue sehen wir wieder Tageslicht. Vor The Irish Linen & Gift Centre gehen wir durch die Lower Garfield Street hinüber zum Writer’s Square. Er ist eine Hommage an Belfasts vielseitige literarische Tradition. Schriftsteller die in ihren Werken Belfast erwähnten, werden mit Zitaten im Pflaster des Platzes gewürdigt.

Belfast - Writers' SquareBelfast - Texteinlassung am Writers' Square

Belfast - Belfast CathedralDem Platz gegenüber erhebt sich Belfasts Kathedrale. Sie ist St Anne, der Mutter der Jungfrau Maria gewidmete. Die romanische Kirche wirkt hell und licht. Gut gelungen sind die Mosaikarbeiten im Inneren. Bei den Kirchenfenstern wechseln traditionelle Darstellungen mit modernen Motiven.

Durch ein Fenster der Kathedrale erblicken wir die über der Kathedrale aufragende 40 Meter hohe Spire of Hope. Die „Spitze der Hoffnung“ wurde am symbolträchtigen 11. September 2007 eingeweiht. Sie soll von der christlichen Hoffnung für die Stadt Belfast, die irische Insel und die gesamte Welt künden.

Belfast - Belfast Cathedral mit der Spire of HopeBelfast - Hauptschiff der Belfast CathedralBelfast - Kirchenfenster der Belfast Cathedral

Belfast - Hauptschiff der Belfast CathedralBelfast - Baptisterium der Belfast CathedralBelfast - Kuppel in der Belfast Cathedral

Die Kathedrale liegt zentral im Cathedral Quarter. Wir halten es für einen Szenetreff. Wohin wir blicken, sehen wir urige Lokale und allerlei Gewerbe. Hier können wir auch die Murals genannten Wandzeichnungen mit Motiven aus der Zeit des irischen Freiheitskampfes betrachten. Man muss nicht unbedingt zur ehemaligen Trennlinie der katholischen und protestantischen Stadtteile Belfasts, der Peace Line, fahren, um Belfasts berühmte Wandbilder zu sehen.

Belfast - Cathedral QuarterBelfast - Mural im Cathedral QuarterBelfast - Mural im Cathedral Quarter

Anschließend gehen wir durch die Skipper Street und werfen einen Blick auf das Merchant Hotel. Der Baustil ist ein Mix aus viktorianischen und Art Deco-Elementen. Das elegante Fünfsternehotel besitzt ein luxuriöses Spa, ein Fitnessstudio im Dachbereich mit schönem Blick über die Stadt, Gesellschaftsräume und einen formidablen Jazz Club.

Belfast - Merchant HotelBelfast - Merchant Hotel

Wir möchten noch den Albert Memorial Clock Tower am Ende der High Street sehen. Der 34 Meter hohe Turm wurde zu Ehren des im Jahr 1861 verstorbenen Gemahls der englischen Königin Victoria, Prinz Albert, errichtet. Seine Statue schmückt die Westseite des Turms. Erwähnenswert ist das Bauwerk wegen seiner Schräglage. Um 1,25 Meter weicht der Turm von der Vertikalen ab.

Belfast - Albert Memorial Clock TowerBelfast - Der imperiale PrinzgemahlBelfast - Spitze des Albert Memorial Clock Tower

Belfast - Custom HouseNur einen Steinwurf entfernt liegt Custom House. Die frühere Zollverwaltung wurde Mitte des 19. Jahrhunderts, zur Blütezeit Belfasts, im Stil eines italienischen Palazzo erbaut. Die breite Freitreppe vor dem Gebäude wurde immer wieder für Kundgebungen mit politischen, religiösen und sozialen Inhalten genutzt. Eine The Speaker genannte Bronzefigur erinnert an diese Tradition.

Belfast - Custom House mit der FreitreppeBelfast - The Speaker vor Custom House

Unsere Zeit in Belfast ist leider begrenzt. Es ist an der Zeit, durch das Zentrum Belfasts zurück zum Donegall Place zu gehen. Wir passieren die hübsche St George’s Church, dann tauchen wir ins Geschäftszentrum Belfasts ein. Hier sehen wir sie alle wieder, die Starbucks, die Vodafones, die Clarks und die Zaras dieser Welt.

Belfast - Belfast ZentrumBelfast - Belfast Zentrum - Corn Market

Nicht besuchen können wir das 2012 eröffnete und 100 Millionen Pfund teure Titanic Museum im neu geschaffenen Titanic Quarter. Informationen dazu geben wir unter Belfast Sehenswertes.

Belfast - Titanic Museum am River Lagan

Anstelle des Taxis nehmen wir für den Rückweg zum Schiff den Shuttlebus, den wir zufällig am Halteplatz sehen. Auf dem Schiff greifen wir uns das Gepäck und schon wieder steht unser Taxifahrer vom Vormittag bereit. Mit drei seiner wartenden Kollegen wettet er etwas unfair, wohin wir wohl führen. Die Drei tippen auf Belfast International Airport. Unser Fahrer kennt als Einziger das Ziel. Es ist der George Best Belfast City Airport. Er gewinnt und darf uns fahren.

Als Zugabe gibt es noch die schöne Geschichte über den berühmten Sohn der Stadt, den zu früh im Alter von 49 Jahren verstorbenen Fußballer George Best. Dem Dribbelkünstler von Manchester United ging ein Ruf wie Donnerhall voraus. – Legendär der ihm zugeschriebene Satz. „Ich habe viel Geld für Alkohol, Mädchen und schnelle Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst“. Willkommen im wahren Leben. – Nebenbei bemerkt, der George Best Flughafen ist ein hübscher, kleiner Flughafen. Er scheint aus der Zeit gefallen, beziehungsweise aus einer Zeit zu stammen, als Fliegen noch Spaß machte. Was wir vom nachfolgenden Aufenthalt in London Heathrow nicht sagen mögen.

Was ist unser Eindruck von Belfast? Zwei Tage zuvor besuchten wir Dublin. Dort haben wir uns richtig wohlgefühlt. Dublin ist eine jener angenehmen Hauptstädte, die man regelmäßig besuchen möchte. Es gibt so viel zu sehen und die unausbleiblichen Veränderungen machen neugierig. Diese Stadt ist schwer zu toppen.

Auch Belfast verlassen wir mit einem guten Gefühl. Die Stadt ist kompakt und übersichtlich. Sie ist aufgeräumt und sauber. Das Karfreitagsabkommen hat offenbar Positives bewirkt. Mit wem wir auch sprachen, wir lernten nur freundliche Menschen kennen. Knapp 7,6 Millionen Besucher im Jahr 2012 irrten offenbar nicht.

(Karl Beyer)