Autor: Karl W. P. Beyer

Cobh - Kennedy ParkDas Kreuzfahrtschiff MS Astor dockt ganztägig im Port of Cork. So heißt der Hafen der irischen Kleinstadt Cobh. Ins Ortszentrum müssten wir, wenn wir es denn wollten, nur wenige Minuten laufen. Der Blick von Bord des Schiffes auf die Stadt zeigt einen malerischen, an einem Steilhang gelegenen Ort, der von der St. Colman-Kathedrale überragt wird. Reich an Sehenswürdigkeiten ist die nicht einmal 7.000 Einwohner zählende Stadt allerdings nicht.

Das ist Anlass genug, uns vor einem Stadtrundgang anderswo die Zeit zu verreiben. An Bord des Schiffes wurden Panorama-Rundfahrten durch den Süden Irlands, Touren durch die Grafschaft Tipperary (wohlbekannt wegen des Marschlieds „It’s a Long Way to Tipperary“), ein Küstenspaziergang in Kinsale, der Besuch einer Whiskey Destillerie und eine Fahrt zur Kreisstadt Cork ,angeboten.

Cobh - Der BahnhofUnsere Wahl fällt auf Cork, das Verwaltungszentrum der gleichnamigen und größten Grafschaft der Republik Irland und Namensgeber des Hafens. Deren Ursprünge sollen auf das 5. Jahrhundert n. Chr. zurückgehen. Als Individualtouristen werden wir den Ausflug mit der Bahn bewältigen. Dazu passt es ausgezeichnet, dass der Bahnhof direkt gegenüber dem Anleger der Kreuzfahrtschiffe liegt. Einfacher geht es nun wirklich nicht. Züge in die zweitgrößte Stadt Irlands verkehren an Vormittagen halbstündlich. Danach wird einige Zeit im Stundentakt gefahren. Der Trip in einem der modernen Nahverkehrszüge dauert 25 Minuten und kostet nicht viel. Der Zug fährt durch eine schöne Landschaft: Wasser, viel Grün und außerdem spielt sogar das Wetter mit. Besser könnte es nicht sein. Auf dem Weg nach Cork wird an fünf Stationen gehalten.

Man mag es nicht glauben und es war uns auch nicht mehr erinnerlich, das circa 130.000 Einwohner zählende Cork war im Jahr 2005 Kulturhauptstadt Europas. Ob zurecht, das vermögen wir nicht einzuschätzen. Das Feuilleton der FAZ berichtete im Januar 2005 jedenfalls nicht allzu begeistert über diese europäische Ehre.

Corks BahnhofWir werden uns selbst ein Bild machen. Dazu starten wir am Bahnhof von Cork. Wir haben auf unseren Reisen schon viele hässliche Bahnhöfe gesehen. Corks Bahnhof ist das Gegenteil. Er wirkt hell und freundlich. Dort kommt man gern an. Er liegt ein wenig abseits der City. Wollten wir dorthin gehen, um zu shoppen oder einen der gemütlichen Pubs zu besuchen,  müssten wir circa eine Viertelstunde entlang der Lower Glanmire Road laufen.

Nach wenigen Minuten Fußweg liegt rechter Hand die katholische Pfarrkirche St. Patrick’s Church. Ihr von mächtigen Säulen getragener Vorbau und der eigenartige Turm machen allerhand her.

Cork - St. Patricks Churchcobh-510-st.-patricks-church

Die Besichtigung der Kirche ersparen wir uns. Wir wollen unser erstes Ziel, die anglikanische Kirche St. Anne’s im nördlich gelegenen Stadtteil Shandon, möglichst schnell erreichen.

Cork - Der Lee RiverWir wechseln hinüber an den Penrose Quay und gehen ein Stück am Lee River entlang. Auf diese Weise bekommen wir auch Corks Opernhaus zu sehen. Der Fluss ist von angemessener Breite und kanalisiert. Im Zentrum teilt er sich in zwei Arme, die den Stadtkern umfassen. In regelmäßigen Abständen queren Brücken das Gewässer.

Cork Opera House

Bevor wir die Kirche erreichen, passieren wir das Dominikanerkloster St. Mary’s und The Firkin Crane. Das ist ein wirklich interessantes Gebäude. Von oben betrachtet wirkt es kreisrund. Im Jahr 1855 errichtet, war es ein Anhängsel der ehemaligen Butterbörse. Im Gebäude wurden Butterfässer für den Versand vorbereitet und repariert. Sie wurden „Firkins“, zu deutsch „Fässchen“ genannt. - Die Butterbörse war ein irisches Phänomen; bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde von Cork aus der Handel mit Butter über fünf Kontinente organisiert. Heute ist The Firkin Crane Heimstatt eines Tanztheaters.

Cork - Dominikanerkloster St. MarysCork - The Firkin Crane

cobh-515-st.annes-shandonAn sich ist St. Anne’s eine Kirche wie jede andere auch. Erbaut wurde sie im Jahr 1722. Sie ist so etwas wie eine Landmarke über der Stadt. Erkannt wird sie an ihrem quadratischen Turm. Zwei Seiten des Turms wurden aus rotem Sandstein gebaut. Die beiden anderen Fronten bestehen aus Kalkstein. Den Turm ziert eine Wetterfahne in Gestalt eines Lachses, genannt „de goldie fish“. Seine Länge beträgt stattliche vier Meter. Er erinnert an die in früheren Zeiten für Cork so wichtige Lachsfischerei. Außerdem symbolisiert der Fisch als frühes christliches Symbol die Gottheit.

Cork - St. Annes Church - Der Lachs als Wetterfahne

Cork - St. Annes Church - KirchenschiffDas Besondere und Anziehende der Kirche sind die ShandonBells. Jeder Besucher, der möchte, darf von der ersten Turmebene mit eigener Muskelkraft die acht Glocken läuten und nach einem vorgegebenen Schema bekannte Weisen spielen. Aus der Fülle der genannten christlichen und weltlichen Melodien entscheiden wir uns für Bob Dylons „Blowin’ in the Wind“. Die Kirchenleitung bittet lediglich auf die Nachbarn Rücksicht zu nehmen. Das tun wir selbstverständlich. Aber wenn wir uns vorstellen, wir müssten mehrfach am Tag als Nachbarn der Kirche ein häufig unmelodisch erzeugtes Läuten hören, wir würden unseren Mitmenschen nicht begeistert begegnen. Shandons Einwohner dagegen gehen tolerant mit unserer „Musik“ um.

Cork - St. Annes Church - Die Partitur

Was den Aufstieg im Turm bis zur Außenplattform auf 37 Meter Höhe anbelangt, ist der mit großer Mühe verbunden. Zwischendurch müssen wir uns durch ein furchtbar enges Mannloch zwängen um noch oben zu gelangen. Geschützt mit Ohrschützern, die Glocken könnten urplötzlich schlagen, krabbeln wir noch oben.

Von dort haben wir eine überragende Sicht über die gesamte Stadt und das Umland. Die Mühen des Aufstiegs haben sich gelohnt. Nahebei liegt St. Mary and St. Anne’s Cathedral, die römisch katholische Kathedrale, die Mutterkirche der Diözese von Cork und Ross. Unter uns der Garten des Dominikanerklosters mit alten Grabsteinen. Wir blicken in saubere Innenhöfe unter uns und auf die weit entfernte, leicht hügelige Landschaft.

Cork - St. Mary- and St. Annes CathedralCork - St. Fin Barres Cathedral

Cork - Garten des DominikanerklostersCork - Innenhöfe

Unterhalb der Kirche sehen wir Firkin Crane; daneben das Butter-Museum. Da unser Aufenthalt in Cork endlich ist, werden wir uns einen Besuch des Museums ersparen. Nur soviel: Das Museum informiert über die Herstellung von Butter und erläutert den Handel früher und heute. Noch immer ist Butter eines der wichtigsten exportierten irischen Nahrungsmittel.

Cork - The Firkin Crane

Gasse in CorkWir verlassen die Shandon-Region und gehen den Hügel hinunter durch schmale Gassen, über Treppen und schiefe Ebenen in Richtung des Pope’s Quay. An dem liegt die katholische St. Mary’s Church. Die im Oktober 1839 eröffnete und im Jahr 1991 renovierte Kirche ist mehr als nur einen Blick wert. - Dort queren wir den River Lee. Unser nächstes Ziel ist die St. Francis Kirche. Wir möchten noch einen Blick in die lichte Kirche werfen. Leider findet gerade ein Gottesdienst statt. Dabei würden wir nur stören.

Cork - St. Marys ChurchCork - St. Francis Church

Unser nächstes Ziel ist die St. Fin Barre’s Cathedral. Dazu müssen wir die Beamish & Crawford Brewery passieren. Kein Stadtführer versäumt es, auf sie hinzuweisen.

Cork - Beamish & Crawford Brauerei

Cork - St. Fin Barres CathedralCorks Schutzheiliger ist der hl. Fin Barre. Er soll Corks erster Bischof gewesen sein und das Kloster Cork errichtet haben. Im Jahr 1536 wurde die damalige Kathedrale der Kirche von Irland zugeordnet. Im Jahr 1864 wurde die Kathedrale abgetragen und durch die im Stil französischer Gotik errichtete St. Fin Barre’s Cathedral ersetzt. Großzügige Spenden wurden für den Neubau eingeworben, unter anderem von den Bierbrauern und einer Whiskey-Brennerei. Geweiht wurde die Kathedrale der anglikanischen Kirche im Jahr 1870.

Gegen einen bescheidenen Eintrittspreis betreten wir das Gotteshaus. Uns gefallen vor allem die schönen Glasfenster mit Motiven des Alten und des Neuen Testaments. Eine Aufsichtsperson bemüht sich rührend um uns. Nachdem sie erfährt, dass wir aus Deutschland kommen, wird uns ein deutschsprachiger Leitfaden der Kirche ausgehändigt.

Cork - St. Fin Barres Kathedrale - WestansichtCork - St. Fin Barres Kathedrale - KirchenschiffCork - St. Fin Barres Kathedrale - Kirchenfenster

Es ist an der Zeit, zurück ins Zentrum zu gehen. Am Weg liegt das im Jahr 1626 erbaute Elizabeth Fort. Die gepflegteste und besterhaltenste Artillerie-Festung in Irland wirkt wenig spektakulär. Der Vorgängerbau stammte aus dem Jahr 1601. Nachdem er von den Einwohnern der Stadt zerstört wurde, mussten sie das Fort auf eigene Kosten wieder aufbauen.

Cork - Elizabeth FortCork - Elizabeth Fort

Wir gehen bis zur Red Abbey. Dort wo heute nur ein einzelner Turm steht, stand eine aus dem 13. Jahrhundert stammende Augustiner-Abtei. Der noch existente Turm wurde dem Bau im 14. Jahrhundert angefügt.

Cork - Red Abbey

Cork - English Market - Eingang Grand ParadeDas nächste Ziel ist der English Market an der Grand Parade. In der wunderbaren Markthalle werden seit 1788 alle erdenklichen Lebensmittel verkauft. Im Farmgate Cafe, dem Restaurantbereich im Obergeschoss der Halle, essen und trinken wir gut.

Cork - English Market - Abteilung GeflügelCork - English Market - Farmgate Cafe

Gestärkt gehen wir durch die St. Patrick’s Street zurück zum Bahnhof. In der St. Patrick’s Street liegen die Kaufhäuser und gehobenen Geschäfte Corks. Wir lassen es uns nicht nehmen, Debenhams einen Besuch abzustatten. In dieser Straße finden wir sie wieder, die führenden Marken Europas. In der St. Patrick's Street lädt lädt Cork zum Shopping ein.

Cork - St. Patricks Street

Kurz darauf sehen wir die Statue des Father Mathew. Im Jahr 1814 zum Kapuzinerpater geweiht entwickelte er sich zum „Apostel“ der Enthaltsamkeit. In Cork tat er viel für die sozialen Verhältnisse. In der Zeit zwischen 1830 und 1840 engagierte er sich in Kampagnen gegen den Alkohol. Auch während der „großen Hungersnot“ zwischen 1845 bis 1850 erwarb er sich große Verdienste.

Cork - Father Mathew Denkmal

In Cork verkehren auch Hop-on-Hop-off-Busse. Sie fahren auch die etwas entlegeneren Ziele an, zu denen das zur Besucherattraktion umgewandelte Gefängnis City Goal und die Universität zählen. Der beste Weg die Stadt zu entdecken, ist der, sie zu erlaufen. - Unsere Meinung zu Cork: Die Stadt hat uns gut gefallen. Wir denken, dass wir sie nicht unbedingt hätten besuchen müssen; aber da Cobh nun einmal an der Route des Kreuzfahrtschiffs liegt, haben wir Recht daran getan, dieser angenehmen Stadt einen Besuch abzustatten. Zumal die An- und Abreise mit dem Zug ein reines Vergnügen ist.

(Karl Beyer)