Autor: Karl W. P. Beyer

An einem Montag im September 2018 halten wir uns in London auf. Genauer gesagt: Unsere Kreuzfahrt mit der Azamara Journey endet im Londoner Stadtteil Greenwich, und wir fliegen erst am Abend von Stansted zurück nach Deutschland. Es bleibt genügend Zeit, um Neues in London zu entdecken und Bekanntes aufzufrischen.

Ein typisches Londoner Taxi bringt uns von Greenwich zum Bahnhof Liverpool Street Station. Von dort werden wir am späten Nachmittag mit dem Stansted Express zum Flughafen fahren. Wir übergeben das Gepäck der Gepäckaufbewahrung und starten unsere individuelle Tour durch die City of London.

Neue und traditionelle Architektur verbinden

Vom Bahnhof sind es gerade einmal 10 Minuten Fußweg bis zu unserem ersten Ziel, dem 180 Meter hohen Büroturm des Rückversicherers Swiss Re. Federführend beim Entwurf des Gebäudes war der Stararchitekt Norman Foster. Von der Form her erinnert der Bau an den Torre Agbar in Barcelona. Die Londoner nennen ihn wegen seiner Form „Gherkin“, zu Deutsch „Essiggurke“. Außergewöhnlich ist der Turmbau wegen seiner rautenförmigen, die Außenwand bildenden Glaselemente. Leider bietet das Bauwerk interessierten Besuchern keine Aussichtsplattform.

Gherkin Gherkin - Fassadendetail

 

Kurz danach erreichen wir Leadenhall Market. Er liegt zwischen der „Essiggurke“ und dem Tower of London. Der Markt hält dem Vergleich zum Covent Garden Market durchaus stand. Allerdings ist er touristisch weniger erschlossen. Er wird wohl eher von den Mitarbeitern des umliegenden Old Financial District genutzt. Die im Jahr 1881 errichtete Konstruktion besteht hauptsächlich aus Gusseisen und Glas. Der Markt versorgt die zahlungskräftigen Besucher aus der Londoner Finanzwelt mit Delikatessen und Wein. Daneben gibt es Restaurants, Bars und hübsche Läden. Selbst als Kulisse für einen Harry-Potter-Film durfte der Leadenhall Market schon herhalten.

Leadenhall Market

Leadenhall Market


Unser nächstes Ziel ist der Tower of London, den wir nach etwa 10 Minuten erreichen. Mit dem Bau des „White Tower“ wurde vor 940 Jahren, im Jahr 1078 begonnen. Der Tower war königlicher Palast, Festung, Gefängnis und Hinrichtungsstätte. Er diente aber auch als Münze, Arsenal und seit dem Jahr 1995 als Aufbewahrungsort der Kronjuwelen. Im Jewel House gleiten Besucher auf einem Laufband an den Preziosen vorbei. Yeoman Warders, im Volksmund abwertend „Beefeater“ genannt, führen durch das Gebäude. Umgeben ist der Tower von einem zweifachen Festungsring. Von der Themse gab es früher eine direkte Zufahrt zum Traitors Gate, dem Verräter-Tor.

Tower of London

Tower of London


Eine berühmte Landmarke Londons ist die Tower Bridge. Nur wenige Schritte liegen zwischen dem Tower und der spektakulären Klappbrücke. Die im neugotischen Stil erbaute Themse-Überführung ist über 100 Jahre alt. Ihre beiden Türme sind 65 Meter hoch. Sofern größere Schiffe die Tower Bridge passieren, werden die Klappen geöffnet. Fußgänger können die Brücke auch im geöffneten Zustand mittels der in 43 Meter Höhe über dem Wasser angebrachten Stege passieren. Aus der Höhe dieser Fußwege werden großartige Blicke auf London geboten. Das alte Maschinenhaus mit den zwischenzeitlich außer Dienst gestellten Dampfmaschinen kann besichtigt werden.

Tower Bridge Tower Bridge

 

Entdeckungen am Bankside-Ufer

Die Bankside verläuft entlang des südlichem Themse-Ufers. Kurz hinter der Tower Bridge steht City Hall, ein knollenartiges, 45 Meter hohes Gebäude. Norman Foster hat es entworfen. Er konnte sich vermutlich nicht vorstellen, dass sein Werk mit dem Helm von Darth Vader oder einem Kürbis verglichen wird. City Hall ist der Verwaltungssitz der Greater London Authority und Dienstsitz des Mayor of London.

City Hall

City Hall


The Shard, Für die „Scherbe“ bleibt uns keine Zeit. Es wäre sicherlich reizvoll, London von einer der Aussichtsplattformen im 68, 69 und 72 Stockwerk aus bis zu 232 Meter Höhe zu sehen. Das Gebäude ist 310 Meter hoch und damit das höchste Bauwerk innerhalb Westeuropas. Der bekannte Architekt Renzo Piano hat es entworfen.

Öffnungszeiten: 10:00 bis 22:00 Uhr mit fester Eintrittszeit. - Ticketpreis: 21,50 £ bei Vorausbuchung.

The Shard

The Shard


Auf dem Weg zum Boroughs Market passieren wir Hay's Galleria. Die Passage dient als gutes Beispiel, wie aus einem alten, verkommenen Tee-Lagerhaus ein modernes, multifunktionelles Gebäudeensemble entwickelt wurde. Hay’s Galleria umfasst Büros, Restaurants, Läden und Freiflächen. Benannt ist es nach dem ersten Eigentümer, dem Kaufmann Alexander Hay. Der erwarb im Jahr 1651 einen Vorgängerbau.

Hay's Galleria

Hay's Galleria


Interessant ist ebenfalls der Borough Market. Er ist Londons ältester Lebensmittelmarkt. Seine Ursprünge sind 1000 Jahre zurückzuverfolgen. Ein Besuch lohnt sich, da es sich vorwiegend um einen Erzeugermarkt handelt. Zudem gibt es einen großen, abwechslungsreichen Street Food-Bereich, in dem leckere Speisen aus allerlei Nationen angeboten werden.

Borough Market Borough Market

 

Neben dem Borough Market steht die Southwark Cathedral. Sie ist eine anglikanische Bischofskirche. Der gotische Bau stammt überwiegend aus der Zeit zwischen 1220 und 1420. Bischofskirche ist das Gotteshaus erst seit dem Jahr 1905.

Southwark Cathedral

Southwark Cathedral


Es folgt das Segelschiff Golden Hinde. In einem von der Themse abgehenden Trockendock wird an der Rekonstruktion einer 37 Meter lange Galeone gearbeitet. Mit einem solchen Schiff umsegelte Sir Francis Drake als erster Engländer zwischen 1577 und 1580 die Welt. Die ursprüngliche Golden Hinde sollte ihm zu Ehren für die Nachwelt erhalten bleiben. Sie zerfiel jedoch, und die Überreste wurden bereits im Jahr 1662 beseitigt. Ein weiterer Nachbau des Schiffs liegt im Südwesten Englands in Brixham/Grafschaft Devon.

Galeone Golden Hinde

Galeone Golden Hinde


Wir passieren Winchester Palace. Viel ist von der alten Pracht nicht erhalten, außer einer großen, hohen Steinwand mit einer Rosette und ein paar Pflanzbeeten. Im frühen 13. Jahrhundert war er die Residenz des Bischofs von Winchester. Der Palast soll einer der prächtigsten Bauten der damaligen Zeit gewesen sein. Alten Abbildungen zufolge muss es sich um einen gewaltigen, aus mehreren Gebäuden bestehenden Komplex gehandelt haben.

Ein Zeitzeuge ist das Golden Globe Theatre. Gegen Ende des 16 Jahrhunderts war Bankside Londons Vergnügungszentrum. Es gab bereits mehrere Theater, als entschieden wurde, das Golden Globe Theatre zu errichten. Das große, runde und offene Theater wurde im Jahr 1599 vollendet. Mehr als 3.000 Menschen fasste das dreistöckige Theaterrund. Es diente ausschließlich der Aufführung von Shakespeares Werken. Der Dramatiker und Lyriker war an dem Theater-Unternehmen mit 12,5 Prozent beteiligt. Die damaligen Verhältnisse im Theater müssen extrem gewesen sein. Es brannte mehrfach und schließlich wurde es abgerissen. 1997 wurde das Theater Shakespeare zu Ehren mit nunmehr 1.500 Sitzplätzen rekonstruiert.

Globe Theatre

Globe Theatre


In Sichtweite des Globe Theater liegt die 325 Meter lange Millennium Bridge. Die Fußgängerbrücke führt über die Themse und verbindet die City of London mit dem am Südufer der Themse liegenden Stadtteil Southwark. Die Londoner verdanken das überaus elegante Bauwerk ebenfalls Sir Norman Foster. Anfänglich gab es Probleme mit unkontrollierten Schwingungen. Die sind mittlerweile aber behoben.

Millennium Bridge

Millennium Bridge


Ikonen des nördlichen Themse-Ufers

Von der Millennium Bridge führt der direkte Weg vorbei am Firefighters Memorial hoch zur St Paul's Cathedral. Sie ist die Bischofskirche der Church of England und zählt mit 158 Meter Länge zu den größten Gotteshäusern der Welt. Die dem Schutzheiligen Londons gewidmete Kathedrale ist die fünfte Kirche in Folge an diesem Standort. Das prächtige Gebäude war oftmals Veranstaltungsort königlicher Hochzeiten und von Begräbniszeremonien. Bedeutende Persönlichkeiten des Landes fanden in der Kathedrale ihre letzte Ruhestätte. Für Touristen ist neben der Kirche auch ein Besuch der Krypta interessant. Dort befinden sich ein Buffetrestaurant, eine Cafeteria und ein Andenken-Shop. Und auch die öffentlichen Toiletten sind bemerkenswert, denn sie bestechen durch Sauberkeit.

St Paul's Cathedral St Paul's Cathedral

 

Dort wo im Mittelalter der Klerus der Old St Paul's das Vaterunser betete, verlief die Paternoster Row. Nach ihr wurde der Paternoster Square benannt. In dessen Mitte steht die Paternoster Square Column, eine 23 Meter hohe korinthische Säule. An ihrer Spitze befindet sich eine blattvergoldete, flammende Urne. Zwischen dem Platz und der St Paul's Cathedral steht der Temple Bar Torbogen. Das alte Stadttor stammt aus dem Jahr 1672. Ursprünglich stand es an der Stelle, an der die Fleetstreet in den Strand übergeht. Fleetstreet ist seit dem 18. Jahrhundert der britische Medienstandort.

Paternoster Square Temple Bar Torbogen

 

Die Fleetstreet geht auf Höhe des Royal Courts of Justice in den Strand über. Die Stelle markiert heute ein auf einem steinernen Podest stehender Greif. Mit diesem Standort wird der westlichste Punkt der City of London angezeigt.

Der Covent Garden Market ist für uns eine der Hauptattraktionen unseres Londoner Besuchsprogramms. Bis in die 1960er Jahre wurde der Covent Garden als permanenter Markt genutzt. Danach wurde er eingestellt. Seit den 1980er Jahren ist der Markt jedoch ein Anziehungspunkt für Touristen. Vor den Hallen liegt die kopfsteingepflasterte Covent Garden Piazza mit einer Vielzahl gastronomischer Einrichtungen. In den Hallen erwarten die Besucher weitere gastronomische Angebote und eine Anzahl schicker Läden.

Covent Garden Covent Garden

 

Zehn Minuten Fußweg liegen zwischen dem Covent Garden und dem Trafalgar Square, dem größten öffentlichen Platz Londons. Seine heutige Gestaltung erfuhr er zwischen 1840 und 1845. Am Trafalgar Square treffen mehrere Straßen aufeinander.

Trafalgar Square

Trafalgar Square


Die wesentlichen Merkmale des Platzes sind zwei große Brunnenanlagen und die Nelsonsäule. Sie ehrt Admiral Horatio Nelson, der bei der Schlacht um Trafalgar sein Leben verlor. Die Nelsonsäule, mit dem Admiral auf der Spitze, misst 51 Meter. Dieser Wert entspricht exakt der Gesamthöhe der HMS Victory. Sie war Nelsons Flaggschiff und maß vom Kiel bis zur Mastspitze ebenfalls 51 Meter. Um die Säule herum lagern vier gewaltige Bronzelöwen. Die beiden Brunnenanlagen sind ebenfalls zwei verdienten Admiralen gewidmet.

Trafalgar Square - Nelsonsäule

Trafalgar Square - Nelsonsäule


Im Norden begrenzt die National Gallery den Platz. Sie ist weltweit eine der bedeutendsten Gemäldesammlungen. Die 1824 gegründete Galerie zählte im Jahr 2014 etwa 6,5 Millionen Besucher.

Trafalgar Square - National Gallery

Trafalgar Square - National Gallery


Freier Eintritt

An den Trafalgar Square grenzt die Kirche St Martin-in-the-Fields. Sie wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts erbaut. Ungewöhnlich ist der in den Portikus integrierte Turm. Zur damaligen Zeit stellte dies eine architektonische Neuerung dar, die später beim Bau US-amerikanischer Kirchen häufiger als Vorbild diente. Den Annalen der Kirche ist zu entnehmen, dass im Jahr 1222 eine erste Kirche an diesem Standort gebaut wurde. Sie lag damals tatsächlich in den Feldern zwischen Westminster und London.

Trafalgar Square - St Martin in the Fields

Trafalgar Square - St Martin in the Fields


Weil der nahegelegene Buckingham Palace zur Kirchengemeinde von St Martin zählt, ist sie die offizielle Kirche des Königshauses. Und zugleich ist sie auch die Kirche der Admiralität. Erst nach 1900 öffnete sie sich auch den Armen und Obdachlosen. Die Kirche wird nebenher als Konzertsaal verwendet, in dem häufig die Academy of St Martin-in-the-Fields auftritt.

Auf dem Weg zum Piccadilly Circus nehmen wir im Stadtteil Westend die Straße Haymarket. Dort fällt uns vor allem Her Majesty's Theater auf. Das erste Theater an diesem Platz wurde 1705 gegründet

Wenige Minuten später erreichen wir Piccadilly Circus. Auch er ist ein wichtiger öffentlicher Platz und Kreuzung mehrere Straßen. Seit 1819 verbindet er die Regents Street mit der Piccadilly. In der Zeit danach erfolgten noch diverse Umgestaltungen. Nicht zu übersehen ist die Shaftesbury Memorial Fountain. Die Brunnenanlage wird von einer geflügelten Gestalt gekrönt. Eigentlich soll sie den Engel der christlichen Nächstenliebe darstellen. Die etwas verklemmten Viktorianer nannten die nackte Figur jedoch „Eros“. Das einfache Volk aber fühlte sich zum Brunnen als Treffpunkt hingezogen.

Piccadilly Circus Piccadilly Circus - der Engel der christlichen Nächstenliebe

 

Zum Schluss

Am Piccadilly Circus endet unser mehrstündiger Rundgang durch London. Es ist an der Zeit, ein Taxi zurück zum zur Liverpool Street Station zu nehmen. Von dort fahren wir mit dem Stansted Express zum Flughafen London-Stansted, um zurück nach Deutschland zu fliegen.

Wir hatten viel Glück an diesem Tag. Das Wetter war fantastisch und wir trafen nette Menschen. Wir haben in diesen Stunden sehr viel gesehen. Eine Menge war uns bereits bekannt, doch die neuen Eindrücke sind überwältigend. London ist es wert zu Fuß entdeckt zu werden. So oft es uns möglich ist, werden wir das wiederholen.