Autor: Karl W. P. Beyer

Morgens um 8:00 Uhr steht der Bus bereit, um uns vom Hafen zum Katharinenpalast in Puschkin zu bringen. Begleitet werden wir von einer flotten, deutsch sprechenden Fremdenführerin, die sich einen Spaß daraus macht, während der Fahrt durch den großen, unübersichtlichen Industriehafen Sankt Petersburgs ein wenig über ihre Landsleute herzuziehen. Vor allem über jene, die Dienst an der Auslasspforte des Hafens schieben und denen die Arbeit am Morgen noch nicht so recht von der Hand zu gehen scheint.

Die Entfernung in die südöstlich von Sankt Petersburg gelegene Stadt Puschkin beträgt an die 30 km. In weniger als einer Stunde wird sich der Fahrer seinen Weg zuerst durch den Hafen, dann durch die Straßen der Ostseemetropole gebahnt haben, bis er auf dem flachen Land ist. In der Stadt staunen wir über die gewaltigen im sowjetischen Zuckerbäckerstil errichteten Wohn- und Gewerbeblocks. Nach Erreichen des südlichen Stadtrands geht die Fahrt weiter über eine gut ausgebaute Landstraße. Rechter Hand liegt der internationale Pulkovo-Saint-Petersburg-Airport, an dem seit 2010 auch die Fraport AG beteiligt ist.

Das Terrain um uns herum steigt leicht an. Es ist ein weites Land. So stellten wir uns Russland immer vor. Ehe wir uns versehen, sind wir im ehemaligen Zarskoje Selo (Zarendorf), heute Puschkin. Unser Ziel wird als eines der größten und schönsten Schloss- und Parkensembles Russlands gepriesen.

Das Erste, das wir nach dem Halt des Busses bewusst wahrnehmen, ist die dem russischen Dichter Alexander Puschkin gewidmete Statue aus dem Jahr 1900. Alt ist er nicht geworden, mit 37 Jahren starb er an den schweren Verletzungen die er sich bei einem Duell zugezogen hatte. Als Schütze mag er nicht besonders gut gewesen sein, als Dichter war er jedoch hoch produktiv.

Puschkin-Denkmal in Zarskoje Selo

Unsere Führerin treibt uns an. Auf uns warten der Palast und der Park. Der Katharinenpark wird zur Straßenseite von einem imposanten Zaun eingegrenzt. Durch ein vergoldetes, schmiedeeisernes Tor erhalten wir Zugang zum Ehrenhof vor dem Palast. Über dem wunderschönen Tor prangen der doppelköpfige russische Adler und die Zarenkrone. Unwillkürlich denken wir, dass die Zaren sich offenbar nicht einschränken mussten.

Katharinenpalast - Tor zum Ehrenhof

Katharinenpalast - Tor zum Ehrenhof


Katharina I., ab 1725 Russlands Kaiserin, ließ zu Beginn des 18. Jahrhunderts an der Stelle des heutigen Palasts ein Jagdschloss mit 16 Zimmern, den Sommerpalast errichten. Die Jagdgründe und die gute Luft in Zarskoje Selo mögen dafür ausschlaggebende gewesen sein. Dieses Palais genügte ihrer Tochter, Elisabeth I. und den folgenden Herrschern jedoch nicht mehr. Entsprechend dem gesteigerten Bedürfnis gegenüber anderen Herrscherhäusern „angemessen“ zu repräsentieren, wandelte sich der Palast peu à peu zu einem der imposantesten europäischen Barockschlösser. Vollendet wurde die Palast- und Parkanlage erst unter der Regentschaft Katharinas der Großen.

Die mehr als 300 m messende Front des in den Farben weiß und blau gehaltenen Schlosses ist überwältigend. Links und rechts wird die Anlage durch im rechten Winkel abgehende Bauten flankiert. Wir müssten uns schon erheblich täuschen, wenn der Bau nicht absolut symmetrisch ausgelegt ist.

Rückseite des Katharinenpalasts

Rückseite des Katharinenpalasts


Im Inneren des Palasts geht es über endlos scheinende Gänge und gewaltige Treppenhäuser. Fotografieren ist leider nicht gestattet. Deshalb müssen wir im ganzen Gebäude auf Fotos verzichten. Die besichtigten Zimmer, Galerien und Säle sind überwältigend. Unter den Paradesälen sticht der 80 m lange Große Saal hervor. Er war für Bälle oder Staatsempfänge ausgelegt.

Besonders exquisit ist das Bernsteinzimmer. Es war im Jahr 1716 als kleine Aufmerksamkeit vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. dem russischen Zaren Peter I. geschenkt worden. Dieser revanchierte sich gegenüber dem preußischen König, dem Soldatenkönig, mit 55 „langen Kerls“ für dessen Königsregiment in Potsdam. Das Bernsteinzimmer maß ursprünglich nur 17 m². Im Jahr 1746 war das Bernsteinzimmer im Palast in Zarskoje fertig installiert worden. Im Verlauf des Einbaus hatte es deutlich an Größe und Höhe gewonnen. Aus einem kleinen Zimmer wurde ein Prachtsaal mit ca. 100 m² Fläche. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Bernsteinzimmer von deutschen Soldaten nach Königsberg verschleppt. Dort verlor sich in den Kriegswirren seine Spur. Das heute gezeigte Zimmer ist eine nach Schwarz-Weiß-Fotografien angefertigte und 2003 vollende Kopie.

Im Zweiten Weltkrieg erfuhr der Palast immense Zerstörungen. Auf ausgestellten Fotos können die entstandenen Schäden betrachtet werden. Es grenzt scheinbar an ein Wunder, dass die Anlage heutzutage wieder in einem makellosen Zustand ist.

Weitere Bauwerke neben dem Katharinenpalast sind der Achat-Pavillion, der Alexander-Palast, die Eremitage, die Grotte und das mit dem Palast verbundene Imperiale Lyzeum. Leider ist uns nur ein Kurzbesuch mit einem Schnelldurchgang des Palasts vergönnt. Es bleibt nicht genug Zeit, die Bauwerke und die Gartenanlagen ausreichend zu besichtigen. Wir haben Glück, in der Grotte probt zum Zeitpunkt unseres Besuchs ein Männerchor. Die alten russischen Weisen, die Atmosphäre der Grotte und der davor liegende Große Teich schaffen eine besondere, unvergessliche Stimmung.

Parkseite des Katharinenpalasts achat pavillion Teichanlage im Park des Katharinenpalasts Durchblick zur Grotte am großen Teich

Das Imperiale Lyzeum, die innerhalb eines Trakts des Palastes von Zar Alexander I. eingerichtete Eliteschule, ist vor allem wegen seines Vorzeigeschülers Alexander Puschkin ein Begriff.

Der Palastgarten ist ein Landschaftspark. Über Jahrzehnte hinweg wurde das heutige Erscheinungsbild entwickelt. Gepflegte Terrassenanlagen, wohldurchdachte Baumpflanzungen, Hecken, große Rasenflächen und Teichanlagen zeichnen den Park als Gartenkunstwerk aus. Das Wetter „passt“ auch; es ist eine Freude, den Garten zu besuchen.

Der Palastgarten

Der Palastgarten


Die Zeit vergeht leider viel zu schnell. In zügiger Fahrt bringt uns der Bus zurück zum Schiff. Bei unserer Ankunft erwarten uns russische, in Militäruniformen gekleidete Musiker mit flotten Weisen. Unglaublich, sie spielen u. a. den March from the River Quai und When the Saints go marching in.

Danach machen wir uns frisch, essen einen Happen und starten zu unserer zweiten Sankt-Petersburg-Tour, der Stadtrundfahrt mit Besuch der Peter-und-Paul-Festung.