Autor: Karl W. P. Beyer

Auf dem Routenplan der AIDAcara steht heute die den südöstlichen Kapverden zugerechnete Insel Santiago. Mit 991 km² Fläche ist sie die größte der circa 500 Kilometer vor dem Senegal im Atlantik liegenden Inselgruppe. Ziemlich pünktlich gleitet das Schiff am Dona Maria Pia Leuchtturm vorbei auf den Hafen von Praia zu. Die Großstadt mit 120.000 bis 140.000 Einwohnern, wie viel es exakt sind weiß niemand so genau, ist zugleich die Hauptstadt der República de Cabo Verde.

Kapverden - Praia - Farol Dona Maria Pia

Kapverden - Praia - Farol Dona Maria Pia


Im Hafen liegen bereits der Viermastrahschoner Juan Sebastián de Elcáno, das Schulschiff der spanischen Marine, und das kleine französische Marineschiff Commandant Birot. Im Laufe des Nachmittags wird noch die elegante Silver Wind von Silversea Cruises hinzukommen. Sie bietet das beste Beispiel, wie Kreuzfahrtschiffe aussehen sollten.

Kapverden - Schulschiff Juan Sebastian de Elcáno     Silver Wind in Praia/Kapverden

Was tun auf der Vulkaninsel? AIDA Cruises bietet neben Fahrradtouren, Schnorchelabenteuern und Tauchgängen drei Landausflüge unterschiedlicher Länge an, die die Region um Praia, die Inselmitte und den Inselnorden abdecken. Jedes Mal sind dabei auch Besuche der Oberstadt von Praia vorgesehen. Die Preise der Fahrten liegen (gerundet) zwischen 50 und 90 Euro.

Wie an den Zielorten zuvor, entscheiden wir uns auch in Praia für eine individuelle Tour mit dem Taxi. Das ist schnell gefunden. Vor dem Hafenausgang warten freie Touranbieter und Taxifahrer auf Kundschaft. Die Preise sind dem Anschein nach festgeschrieben. Zahlungsmittel ist im Allgemeinen der Kapverdische Escudo. Wir Touristen zahlen mit Euro oder US-Dollar.

Wir wollen zuerst Ribeira Grande, das heutige Cidade Velha besuchen. Die Ortschaft ist in das UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen worden. Und deshalb möchten wir sie uns ansehen.

Kapverden - Taxi vor dem Hafenausgang in Praia

Kapverden - Taxi vor dem Hafenausgang in Praia


Santiago wird als die „afrikanischste“ unter den fünfzehn Kapverden-Inseln tituliert. Von den vielen dunkelhäutigen Menschen einmal abgesehen, fühlen wir uns, was die Landschaft anbelangt, eher an Regionen in Marokkos Atlasgebirge oder an Gebiete in Jordanien erinnert, denn an weiter südlich liegende Ziele Afrikas.

Kapverden - Erinnert an Nordafrika

Kapverden - Erinnert an Nordafrika


Bevor wir Praia verlassen, muss der Fahrer erst einmal sein Taxi betanken. Das verschafft uns zusätzliche Eindrücke. Von der tiefer liegenden Straße blicken wir hinauf zum „Plateau“, der Oberstadt. Neben der Straße verläuft eine freie Fläche mit wuchernden Büschen und Palmen. Dazwischen stehen Hausruinen. Dann wieder sehen wir über einem trocken gefallenen Flussbett moderne Gebäude. Ein paar Hundert Meter weiter folgt auf der anderen Straßenseite der ansehnliche Palácio do Governo, der Sitz der Regierung. Je weiter wir uns den Außenbezirken nähern, desto ärmlicher wirkt das Stadtbild. Hier fühlen wir uns an die südamerikanischen Favelas erinnert, die wir erst vor einigen Tagen hinter uns gelassen hatten.

Kapverden - Häuser in der Oberstadt von Praia    Kapverden - Der Palácio do Governo in Praia    Kapverden - Leben unterhalb der Oberstadt von Praia

Die in Richtung des historischen Ribeira Grande führende Straße ist bestens ausgebaut und gepflegt. Sie führt hinauf auf eine karge Hochebene. Die dort frei herumlaufenden Rinder und Ziegen müssen wohl sehr genügsam sein. - Nach einiger Zeit biegt unser Taxifahrer zum Forteleza Real de São Filipe ab. Die Zitadelle überrascht uns mit ihrer schieren Größe. Sie liegt 120 Meter über dem Meeresspiegel oberhalb von Ribeira Grande. Nach den Angriffen des englische Piraten Francis Drake zuerst 1578 und danach 1585 wurde zur Verteidigung der Stadt und ihres Hafens zwischen den Jahren 1587 und 1593 die Festung gebaut.

Kapverden - Karger Bewuchs    Kapverden - Fortaleza Real de Sao Filipe    Kapverden - Bollwerk des Fortaleza Real de Sao Filipe

Allerdings hielt der Bau nicht für alle Ewigkeit den Feinden stand. Im Jahr 1712 gelang es französischen Freibeutern das Fort zu stürmen und die darunter liegende Stadt zu plündern und zu brandschatzen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde mit der Wiedererrichtung der Festung begonnen. Sie thront uneinnehmbar über dem Kliff. Drei Bollwerke sichern sie nach Westen und Norden. Zwischen 1991 und 2001 wurde das Fort archäologisch untersucht und restauriert. Ein Informationszentrum für Besucher wurde eingerichtet.

Kapverden - Fortaleza Real de Sao Filipe von Cidade Velha gesehen

Kapverden - Fortaleza Real de Sao Filipe von Cidade Velha gesehen


Im Ort weckt die Ruine der Kathedrale Sé unser Interesse. Mächtige Mauerreste deuten an, wo die Kathedrale stand. Im Inneren sehen wir ein paar Türeinfassungen und kunstvoll behauene Steine. Zugegeben, wir hatten etwas mehr erwartet. Vor den Gebäuderesten informieren Schautafeln, dass es sich bei der Kirche um ein typisches Renaissance-Bauwerk gehandelt habe. Der Haupteingang wurde von zwei Kirchtürmen flankiert. Sie und der Altarraum sind heutzutage nicht mehr sichtbar. Zum Bau mussten Steine aus Portugal importiert werden.

Kapverden - Cidade Velha Ruinen der Kathedrale Sé    Kapverden - Cidade Velha Ruinen der Kathedrale Sé    Kapverden - Cidade Velha Ruinen der Kathedrale Sé

Kaum dass sie im Jahr 1705 nach knapp 150-jähriger Bauzeit fertiggestellt war, wurde sie 1712 von Piraten unter der Führung des Franzosen Jacques Cassard geplündert und in Schutt und Asche gelegt. Das ist der Grund, weshalb heute Hühner auf dem ehemals geweihten Boden herumlaufen. An eine Wiedererrichtung nach dem Piratenüberfall musste nicht gedacht werden, da inzwischen Praia der Stadt Ribeira Grande, den Rang abgelaufen hatte.

Der hübsche, kleine Ort mit seinen farbenfroh gestrichenen Häusern liegt malerisch am Meer. Selbst ein Rathaus und eine Tourismusinformation gibt es. Und es gibt einen kunstvoll gearbeiteten Pranger. Das Pelourinho genannte Schandmal diente der Ausstellung frevelhafter Sklaven und anderer Missetäter. Es erinnert an die Auswüchse des Sklavenhandels und der Sklaverei. Santiago war zu Beginn der Kolonialzeit ein bedeutender Umschlagsort für afrikanische Zwangsarbeiter.

Kapverden - Cidade Velha - Zentralplatz    Kapverden - Cidade Velha     Kapverden - Cidade Velha - Der Pranger

 

Kapverden - Cidade Velha - Küste

Kapverden - Cidade Velha - Küste


Die Igreja e Convento São Francisco und die Igreja Nossa Senhora doRosário ersparen wir uns. Es ist kaum vorstellbar, dass Cidade Velha einst die Hauptstadt der Kapverden war. Auch können wir es nicht verstehen, weshalb der unauffällige Ort im Jahr 2009 dem Welterbeprogramm der UNESCO zugeordnet wurde.

Wir lassen uns zurück in die Oberstadt Praias bringen. Praia ist eine geschäftige Hauptstadt. Sie ist keine Stadt, in der wir uns als Touristen unbedingt wohlfühlen sollten. Also schlendern wir ein wenig auf dem 300 mal 500 Meter messenden Plateau herum, um einige Eindrücke zu sammeln.

Zentraler Ausgangspunkt für einen Rundgang über das Plateau ist die Praça AlexandreAlbuquerque. Das ist ein weitläufiger Platz mit einer Fontäne, Bäumbestand, einem Pavillon und einem Café. Auf dem Platz steht eine Büste, die dem verdienstvollen Gouverneur Caetano Alexandre d’Almeida e Albuquerque gewidmet ist. Vor der Inbesitznahme Santiagos lagen die Entdeckung der Insel und die Erhebung zur portugiesischen Kolonie. Letzteres Ereignis wird auf das Jahr 1495 datiert. Entdeckt wurde die Insel von Diego Gomes im Jahr 1460. Das ihm am Rand des Plateaus gewidmete Denkmal stellt ihn als gewichtige Person dar. Er schaut hinunter auf den Gamboa-Strand, die kleine Insel Santa Maria und die Hafeneinfahrt von Praia, ganz wie wir uns einen zünftigen Entdecker in unseren kühnsten Träumen vorstellen. Tatsächlich hat er einen guten Standort. Im Rücken den Präsidentenpalast und vor sich das Meer. Was will er noch mehr?

Kapverden - Praia - Praca Alexandre Albuquerque     Kapverden - Praia - Fontäne an der Praca Alexandre Albuquerque     Kapverden - Standbild des Diego Gomes

 

Kapverden - Leuchtturm, Insel und Gamboa Beach

Kapverden - Leuchtturm, Insel und Gamboa Beach


Bereits jetzt sehen wir, dass die Straßen der Oberstadt streng geometrisch angelegt wurden. Zwischen den Längsachsen verlaufen Querverbindungen, sogenannte Travessas, die die Oberstadt in Quadrate teilen.

In einem der Quadrate liegt der alte im Kolonialstil erbaute Präsidentenpalast. Er ist ein sehenswertes Gebäude, auch wenn er ungenutzt wirkt. Das täuscht allerdings; dort hat der Landespräsident der Kapverden seinen Dienstsitz.

Kapverden - Der Präsidentenpalast in Praia

Kapverden - Der Präsidentenpalast in Praia


Das die Praça Alexandre Albuquerque im Westen abschließende Rathaus ist nett anzusehen. Die Jaime-Mota-Garnison wirkt arg baufällig. Trotzdem halten Soldaten vor dem mit historischen Kanonen ausgestatteten Gebäude Wache. Von der Garnison ist es nur ein kurzer Weg hinüber zur 1902 errichteten Hauptkirche Nossa Senhora da Graça. Wer eine würdevolle und zugleich schlicht ausgestattete Kirche sucht, hier findet er sie. Den Justizpalast wollen wir ebenfalls erwähnen. Nicht etwa weil er ein Beispiel herausragender Architektur ist, sondern weil er als repräsentatives Bauwerk nicht übersehen ist.

Kapverden - Das Rathaus von Praia    Kapverden - Garnison Quartel Jaime Mota    Kapverden - Nossa Senhora da Graca

 

Kapverden - Nossa Senhora da Graca     Kapverden - Nossa Senhora da Graca - Altar     Kapverden - Justizpalast in Praia

Pittoresk erscheint uns der Lebensmittelmarkt. Er wird in einem eingezäunten Geviert abgehalten. Alles was der Boden der Insel hergibt und vermutlich noch viel mehr finden wir auf diesem Markt. Eng geht es dort zu; einen Blick „riskieren“ sollten die Besucher in jedem Fall.

Kapverden - Gemüsemarkt in Praia

Kapverden - Gemüsemarkt in Praia


Geht man vom Markt weiter die Avenida 5 de Julho entlang kommt man zum kleinen Ethnografischen Museum. Es präsentiert Objekte zur Geschichte sowie zur sozialen und kulturellen Vergangenheit Praias. Nett anzusehen sind im Innenstadtbereich die vielen kleinen, authentisch anmutenden Ladengeschäfte und die kleinen Lokale. Wir, die wir an Supermärkte und gut sortierte Spezialgeschäfte gewöhnt sind, fühlen uns um 50 oder 60 Jahre zurückversetzt, als es ähnliche Läden auch noch in Deutschland gab.

Kapverden - Das Ethnografische Museum in Praia

Kapverden - Das Ethnografische Museum in Praia


Wir haben genug gesehen. Es wäre keine besondere Mühe vom Plateau hinunter zum Schiffsliegeplatz im Hafen zu laufen. Die Distanz schätzen wir auf etwa zweieinhalb bis drei Kilometer. Da die Sonne scheint und es uns in der Zwischenzeit angenehm warm wurde, verzichten auf den Fußweg und fahren ein letztes Mal auf der Insel Santiago mit einem Taxi zurück zum Hafentor. Von dort ist der Weg zurück zum Schiff noch immer ausreichend lang.

Kapverden - Praia - Schiffsbegegnungen

Kapverden - Praia - Schiffsbegegnungen