Autor: Karl W. P. Beyer

Gerade einmal 15 Stunden braucht ein Kreuzfahrtschiff, um von der südlichen Kapverden-Insel Santiago nach der im Nordwesten des Archipels gelegenen Insel São Vicente zu gelangen. Die Insel ist vulkanischen Ursprungs. Der schöne Naturhafen der Inselhauptstadt Mindelo misst vier Kilometer im Durchmesser. Er entstand durch den Einbruch eines Vulkankraters. Bei passender Beleuchtung erscheint das Wasser der Bucht in einem beinahe unwirklichen Blau.

Sao Vicente - Bergzüge im Inselnorden

Sao Vicente - Bergzüge im Inselnorden


Drei Höhenzüge dominieren im Norden die 227 Quadratkilometer große, trockene Insel. Der höchste der Berge ist der 750 Meter hohe Monte Verde. Der „grüne“ Berg soll unser erstes Ziel sein. Wir verzichteten darauf, eine vom Schiff angebotene Rundtour durch den Norden der Insel zu buchen. Außerhalb des Hafengebiets warten genügend Taxifahrer auf uns. Deren Routenvorschläge folgen den Streckenführungen der von den Reedereien gewählten Tourveranstalter. Zwei Personen im Taxi zahlen deutlich weniger als zwei Personen auf einer Schiffstour. Dafür mangelt es zwar häufig an nützlichen Hinweisen und Erklärungen des Gesehenen; dieser „Mangel“ setzt eigene Vorbereitung voraus. Wir haben Glück, unser Fahrer versteht und spricht ein wenig Englisch.

Die Fahrt führt vom Hafen durch das Zentrum und die Außenbezirke der Stadt stetig bergauf in das dünn besiedelte Land.

Sao Vicente - Mindelos Außenbezirke    Sao Vicente - Straße zum Monte Verde    Sao Vicente - Blick auf Mindelo

Die spektakuläre Tour auf der kopfsteingepflasterten Straße endet kurz unterhalb des Gipfels des Monte Verde. Bei gutem Wetter muss der Ausblick traumhaft schön sein. Wenn keine Wolken um den Berg hängen, geht der Blick weit über das Land und das Meer bis hinüber zur Nachbarinsel Santa Antão. Wir haben Pech. Am Hafen starten wir bei Sonnenschein, und nun liegt der Gipfel des Berges in dichten Wolken. Mit uns trifft eine Touristengruppe vom Schiff ein. Kurz behoste Urlauber stehen frierend am Abgrund. Zwischen Wolkenlücken erahnen wir alle das tief unter uns liegend Land. Schade, das hatten wir uns anders vorgestellt.

Sao Vicente - Frierende Urlauber am Monte Verde

Sao Vicente - Frierende Urlauber am Monte Verde


Der Fahrer fährt weiter nach Salamansa, einem Ort, der landseitig an einer Bergflanke liegt. Davor erstreckt sich das Meer. Die nach Nordosten verlaufende Bucht ist Anziehungspunkt für Kite-Surfer. Wir stellen uns vor, wie die kräftige Brandung den Surfern einiges Können abverlangt. Zwei Container und eine Strandbar markieren den Stützpunkt der Kite-Surfer.

Sao Vicente - Brandung vor Salamansa     Sao Vicente - Stützpunkt der Kite-Surfer

Das nächste Ziel ist die Baia das Gatas. Die „Katzenbucht“ ist ein wenig inspirierender Ort. Sie wird wegen des auch für Kinder geeigneten Strandes empfohlen. Zwei oder drei Restaurants und Strandbars sorgen für das leibliche Wohl der Besucher. Wir fühlen uns von der Siedlung nicht angesprochen.

Sao Vicente - Strand von Baia das Gatas     Sao Vicente - Baia das Gatas

Weiter geht es zur Dünenlandschaft Praia Grande. An der Strecke liegt eine Fischergemeinschaft. Mehrere einfache Gebäude und einige Boote bieten den Menschen Unterkunft sowie ein bescheidenes Einkommen.

Sao Vicente - Fischergemeinschaft nahe Baia das Gatas

Sao Vicente - Fischergemeinschaft nahe Baia das Gatas


Die Dünenlandschaft der Praia Grande erinnert ein wenig an die Düne von Pilat nahe Arcachon an der französischen Atlantikküste. Die Dünen sind hoch aufgetürmt und weitläufig. Von der oberhalb der Dünen verlaufenden Straße sind sie gut anzuschauen.

Sao Vicente - Die Dünen von Praia Grande     Sao Vicente - Die Dünenlandschaft von Praia Grande

Bevor wir auf Calhau zufahren, erblicken wir vor uns das Massiv des Pico do Vento. Der Ort selbst bietet nichts Sehenswertes.

Sao Vicente - Pico do Vento     Sao Vicente - Calhau

Interessant wird es dagegen abseits der Straße die Calhau mit Mindelo verbindet. Sie führt durch das Ribeira de Calhau. Das unterhalb des Monte Verde gelegene, teilweise von Palmen gesäumte Tal ist das Agrarzentrum auf São Vicente, auch wenn ein Blick über die trockene Landschaft anderes vermuten lässt.

Sao Vicente - Ribeira de Calhau    Sao Vicente - Ribeira de Calhau    Sao Vicente - Ribeira de Calhau

Mit dem Fahrer ist ausgemacht, uns im Zentrum von Mindelo abzusetzen. Die Fahrt hat gute drei Stunden gedauert. Wir hätten unseren Fahrer auch vier oder fünf Stunden beanspruchen können, das hätte am vereinbarten Preis von 50 Euro nichts geändert. Für die vergleichbare Schiffstour hätten wir annähernd das Doppelte zahlen müssen.

An der Réplica Torre Belém steigen wir aus. Im Portugiesischem steht der Name für Bethlehem. Im westlichen Stadtteil der portugiesischen Hauptstadt Lissabon steht am Fluss Tejo der gleichnamige, originale Torre de Belém. Der Nachbau in Mindelo ist zwar nicht ganz so imposant wie das Original geraten, aber sehenswert ist der Bau allemal. Für 1 Euro darf man das Gebäude betreten und eine kleine Fotoausstellung ansehen. Von den beiden oberen Plattformen genießen wir einen ausgezeichneten Blick über die aus der Kolonialzeit stammenden Häuser entlang der Avenida Marginal, die Hafenbucht und die umgebende Hügellandschaft.

Sao Vicente - Réplica Torre Belém     Sao Cicente - Über den Dächern Mindelos    

Sao Cicente - Avenida Marginal     Sao Cicente - Mindelos Hafenbucht

Vom Turm ist die Ilhéu dos Pássaros, die „Insel der Vögel“, gut zu sehen. Wir werden später mit dem Schiff an der spitz aufragenden Felsnadel vorbeifahren. Ein alter Leuchtturm krönt den Felsen. Ein abenteuerlicher Treppenaufgang führt hinauf zum Leuchtturm. Gut zu erkennen ist auch der Aussichtspunkt Fortim del Rei. Das verfallene, ehemalige Gefängnis aus der Kolonialzeit thront auf einem Felsen über dem Hafen. Wir entscheiden spontan, uns den Aufstieg zu dieser Ruine nicht anzutun.

Sao Vicente - Ilhéu dos Pássaros und Fortim del Rei    Sao Vicente - Ilhéu dos Pássaros     Sao Vicente - Fortim del Rei

Nicht verzichten wollen wir auf einen Stadtrundgang durch Mindelo. Wir verlassen den Turm, statten dem Fischmarkt einen kurzen Besuch ab und werfen einen Blick auf das Denkmal, des im 15. Jahrhundert rührigen, portugiesischen Entdeckers Diogo Afonso.

Sao Vicente - Fischmarkt von Mindelo    Sao Vicente - Dörrfisch à la Cabo Verde    Sao Vicente - Denkmal des Diogo Afonso

 Dann  gehen wir die Avenida Marginal in Richtung des Jachthafens entlang. Von den in Reiseführern beschriebenen Herrenhäusern aus der Kolonialzeit sehen wir nichts. Vielmehr säumen farbige, kleinere Gebäude die Uferstraße. In den Häusern befinden sich Geschäfte und Büros. Alles wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen. Wir sehen auf der Mitte der Straße das einen gewaltigen Adler darstellende steinerne Fliegermonument. Es erinnert an die erste Atlantiküberquerung mit einem Flugboot auf südlicher Route im Jahr 1922. São Vicente diente den Piloten dabei als Zwischenstation.

Sao Vicente - Mindelo - Avenida Marginal     Sao Vicente - Mindelo - Das Fliegerdenkmal 

Dem Fliegerdenkmal gegenüber liegt das alte Zollhaus. Heute ist es das Kulturzentrum der Stadt. Mindelo gilt als „Kulturhauptstadt“ der Kapverdischen Inseln. Und immer wird betont, dass der Karneval auf São Vicente etwas ganz Besonderes sei.

Sao Vicente - Mindelo - Kulturzentrum im alten Zollhaus     Sao Vicente - Mindelo - Kulturzentrum im alten Zollhaus

Am Kulturzentrum biegen wir nach rechts ins Zentrum der Stadt ab. Unser nächstes Ziel ist der sehenswerte Palácio do Povo (Palast des Volkes). Das ursprünglich Palácio do Governador genannte Gebäude dient dem Präsidenten der Republik als Dienstsitz auf São Vicente.

Sao Vicente - Mindelo - Palácio do Governador

Sao Vicente - Mindelo - Palácio do Governador


Wir folgen dem Weg bis zu Mindelos Hauptkirche Nossa Senhora da Luz. Leider ist die Kirche geschlossen. Um die Ecke herum liegt das Centro Nacional de Artesanato. Es ist dem Kunstschaffen kapverdischer Künstler gewidmet.

Sao Vicente - Straße in Mindelo    Sao Vicente - Mindelo - Nossa Senhora da Luz    Sao Vicente - Mindelo - Ehemalige öffentliche Wasserstelle

Es ist Zeit, zum Schiff zurückzugehen. Wir schlendern an der örtlichen Handelskammer vorbei und statten noch der zweigeschossigen Markthalle, dem Mercado Municipal, einen Besuch ab. Die Markthalle bietet genügend Platz für die Marktstände und anderes Gewerbe. Beispielsweise kann man den Marktbesuch gleich mit einer Visite beim Friseur verbinden.

Sao Vicente - Mindelo - Mercado Municipal

Sao Vicente - Mindelo - Mercado Municipal


Von der Markthalle geht man nicht einmal eine halbe Stunde bis zum Hafentor des Porto Grande. Der Weg führt am Wasser entlang. Im Hafenwasser dümpeln Jachten, und eine Säule an Land erinnert nochmals an die Atlantikquerung mit dem Flugboot. Die Temperaturen sind angenehm. Hier ließe es sich noch einige Zeit aushalten. Das Schiff wird jedoch nicht warten wollen. Daher fügen wir uns in der Unabänderliche und betreten das Hafengelände.

Sao Vicente - Mindelo - Hafen     Sao Vicente - Mindelo - Hafentor Porto Grande

Unser Fazit: São Vicente ist zwar eine karge Insel, doch ließe es sich auf ihr für einige Zeit gut aushalten.