Ein Tag in Southampton und Winchester


Im Jahr 2015 führten uns zwei Kreuzfahrten nach Southampton. Bei der ersten Reise im März 2015 blieb uns keine Zeit die Stadt anzusehen, da unser Heimflug ab London-Heathrow für den frühen Nachmittag geplant war. Im Juni bot sich uns bei einer von New York nach Hamburg führenden Transatlantic-Reise mit der Queen Mary 2 die Möglichkeit, einen Eindruck von Southampton zu gewinnen und einen Besuch in Winchester zu machen. Unter Southampton - Sehenswertes berichten wir eingehend über die Großstadt Southampton.

Bei England-Reisen bedienen wir uns gern des Fernbusunternehmens National Express. Dessen bequeme Busse verkehren mehrfach täglich zwischen London und Southampton. In Winchester legen sie einen Zwischenhalt ein. Die Entfernung zwischen den beiden Städten beträgt 20 Kilometer und die Fahrt dauert wenig mehr als eine halbe Stunde. Southamptons Busstation liegt maximal zwei Kilometer von den vier Kreuzfahrtterminals entfernt. Wer mag, geht 20 bis 25 Minuten zu Fuß oder nimmt einen der kostenlosen Shuttle-Busse ins Zentrum. Von deren Haltestelle läuft man gerade einmal 300 bis 400 m zum Busbahnhof.

National Express BusNational Express Bus

In Winchester halten die Busse am Broadway nahe der Touristeninformation. Die findet man im Erdgeschoss der Winchester Guildhall. Die 40.000 Einwohner zählende Stadt bietet das Kontrastprogramm zu Southampton. Hinsichtlich der Architektur ist Winchester eine der gelungensten Städte Englands. Die Stadt bietet Unglaubliches: die atemberaubende normannische Kathedrale, The Great Hall von Winchester Castle, das Hospital at St. Cross und ein weltberühmtes College. Die wesentlichen Sehenswürdigkeiten liegen im Stadtzentrum und lassen sich bequem zu Fuß besuchen.

Wir begannen mit der beeindruckenden, im neo-gotischem Stil errichteten und 1873 eröffneten Guildhall. Anfangs war sie Gerichtsort, Polizei- und Feuerwehrstation. Der größere Teil des Komplex‘ wurde und wird noch heute für zivile Angelegenheiten, wie Hochzeiten, Tagungen und Veranstaltungen genutzt.

Winchester - Guildhall Winchester - Portal Guildhall

Neben der Guildhall steht die Welcome Gospel Hall. In ihren Räumen wurden ursprünglich die in der Garnisonsstadt Winchester stationierten Soldaten betreut. Heute ist sie eine caritative Einrichtung.

Winchester - Welcome Gospel HallWinchester - Welcome Gospel Hall

Zurück zum Broadway. Dort steht das Denkmal von King Alfred the Great. Uns wird er als Wissenschaftler, Soldat und Staatsmann beschrieben, der Winchester aus der „dunklen Vergangenheit“ führte und zu seiner Hauptstadt machte. Bei unserem Besuch wurde das mächtige Bronzestandbild des Königs leider gerade einer Restaurierungsmaßnahme unterzogen.

Winchester - King Alfred the GreatWinchester - King Alfred the Great

Unser besonderes Interesse galt aber der Kathedrale von Winchester. Durch die Colebrock Street gelangt man in kurzer Zeit zur Kathedrale. Sie erhebt sich auf den Grundmauern einer Vorgängerkirche, die sich ins Jahr 648 n. Chr. zurückdatieren lässt. Walkelin, Winchesters erster normannischer Bischof, legte im Jahr 1079 den Grundstein der heutigen Kathedrale. Geweiht wurde das Gotteshaus 1093.

Winchester - Kathedrale Winchester - Kathedrale - Hauptschiff Winchester - Kathedrale - Fliegende Pfeiler

Es maß ursprünglich 164 Meter in der Länge und war bis dahin die längste existente Kirche Englands. Allerdings mussten die auf unsicherem Grund errichteten normannischen Türme an der Westfront niedergerissen werden; seitdem ist die Kathedrale 13 Meter kürzer. In über 900 Jahren wurde das Gotteshauses so oft verändert, dass die Arbeiten kaum mehr nachvollziehbar sind.

Winchester - Kathedrale Winchester - Kathedrale - Seitenschiff Winchester - Kathedrale - Fliegende Pfeiler

Auch im Jahr 2015 „zieren“ Baugerüste und Planen das Gotteshaus mit dem mittigen Vierungsturm; 20,5 Millionen Britische Pfund müssen für Erhaltungsarbeiten aufgebracht werden.

Winchester - Kathedrale - BaugerüsteWinchester - Kathedrale - Baugerüste

Viele Könige des Landes wurden in der Kirche zur letzten Ruhe gebettet, dazu Heilige, Bischöfe und Bürgerliche von hohem Rang, unter ihnen die englische Schriftstellerin Jane Austen. Wegen des in der Kathedrale stattfindenden „Cascade Flower Festivals“ konnten wir das Gebäude innen leider nicht in Ruhe ansehen. Wir verzichteten und beschränkten uns auf das Äußere, die umliegende Grünanlagen, das Dekanat, die bischöfliche Verwaltung und die Pilgrims‘ School, an der die Chormitglieder der Kathedrale unterrichtet werden.

Winchester - Kathedrale  - Dekanat Winchester - Kathedrale  - Verwaltungsgebäude

Winchester - Kathedrale  - Pilgrim's School Winchester - Kathedrale - Tor an der Dome Alley

Nach der Kathedrale gingen wir zurück zum Broadway und begannen unseren Stadtrundgang am Abbey House. Es wurde um 1750 auf den Fundamenten von St. Mary’s Abbey errichtet. Gegenwärtig ist der imposante Backsteinbau der Dienstsitz des Bürgermeisters von Winchester. Hinter dem Gebäude erstreckt sich der weiträumige Abbey Garden mit akkuraten Pflanzbeeten, Rasenflächen und der River Cottage Canteen. Das Lokal gefällt besonders wegen seines von vier Säulen getragenen Portikus.

Winchester - Abbey House - Straßenseite Winchester - Abbey House - Rückseite Winchester - River Cottage Canteen

Abbey House & Garden liegen am Itchen River.

Winchester - Itchen RiverWinchester - Itchen River

Der Fluss treibt die Winchester City Mill an. Die ursprünglich an das östliche Stadttor anschließende Mühle ist anhand vorliegender Dokumente auf das Jahr 925 rückzudatieren. Es ist wohl möglich, dass an deren Standort eine bereits von den Römern erbaute Wassermühle stand. Freiwillige Helfer betreiben heute die Mühle.

Winchester - City Mill Winchester - City Mill mit dem Itchen River

Wir kamen zur eher unscheinbaren Erinnerungsstätte an das im Mittelalter erbaute Osttor, einem von fünf Stadttoren. Nonnen der St. Mary‘s Abtei war das Recht zugesprochen, an der nahe gelegenen Brücke Wegegeld auf alle passierenden Waren zu erheben.

Eine Promenade folgt dem Verlauf des Itchen River. An breiteren Stellen wirkt sie nahezu parkähnlich. Auf beiden Seiten des Flusses fällt der Blick in Gärten mit verschwenderischer Blütenfülle. Vor allem Zierrosen gibt es in Hülle und Fülle. Wir sind schließlich in England!

Winchester - Gärten am Itchen River Winchester - Englands Blütenpracht

Ein bemerkenswerter Ort ist Wolvesey Castle. Im Mittelalter war die „Burg“ einer der größten Bauten Britanniens. Winchesters machtvolle und reiche Bischöfe nutzten es als Residenz. Sie waren tonangebend in Kirchenangelegenheiten und besaßen erheblichen Einfluss auf die Politik. Ihren immensen Wohlstand bezogen sie aus umfangreichen Ländereien, die sich vom westlich gelegenen Somerset bis zum östlichen London erstreckten. - Der Begriff Burg täuscht; der Bau war definitiv ein luxuriöser Palast. Errichtet wurde er im 12. Jahrhundert. Ein um 1680 entstandener, zugehöriger Barockbau dient den Bischöfen von Winchester als Wohnsitz. An der rechten Seite des weitläufigen Grundstücks verläuft die ursprüngliche Stadtmauer von Winchester.

Winchester - Ruinen von Wolvesey Castle Winchester - Ruinen von Wolvesey Castle

Winchester - Wolvesey Castle - Reste der Stadtmauer Winchester - Wolvesey Castle - Wohnsitz der Bischöfe

Danach folgte das im Jahr 1382 gegründete Winchester College. Es wurde im Jahr 1382 von William of Wykeham, Bischof von Winchester, gegründet. Es ist die älteste fortlaufend betriebene Schule Englands. Sie kann im Rahmen geführter Touren besichtigt werden. Unser Fotos zeigen den Turm des College mit der Kapelle sowie Wandnischen mit drei Statuen. Dargestellt sind der Engel der Verkündigung, die Jungfrau Maria und Bischof Wykeham.

Winchester College - Turm mit Kapelle Winchester College - Nische mit Statuen

Wir gingen zur Kathedrale zurück. Eine Allee verläuft von der Kathedrale hinauf zur Great Minster Street, die danach in den Square übergeht. An dem steht das City Museum. Es präsentiert Winchesters Geschichte, beginnend in der Eisenzeit bis in unser Jahrhundert. Gezeigt werden: römische Mosaike, angelsächsischer Schmuck, Stadtmodelle, Ladenmodelle verschiedener Epochen und persönlicher Besitz der in der Kathedrale beigesetzten Schriftstellerin Jane Austen.

Winchester - City Museum
Winchester - City Museum

Am Square liegt die kleine, mehr als 900 Jahre alte Church of St. Lawrence. An ihrem Platz stand zuvor eine zum Palast von Wilhelm dem Eroberer gehörende Kapelle. „William the Conqueror“, Herzog der Normandie, lebte im 11. Jahrhundert.

The Square mündet in die High Street. Dort steht das High Cross, auch Butter Cross genannt. Das heilige Kreuz entstand Mitte des 15. Jahrhunderts. An seinem Standort verkauften Bauern Agrarprodukte, wovon sich der Name Butter Cross ableitet. Das gewaltige, mit Figuren überladene Monument besteht aus fünf Pfeilern und 12 Figuren. Sie stellten zuerst die Jungfrau Maria und sieben Heilige dar. Später wurden ihnen noch vier weitere Statuen, darunter die des Königs Alfred, zugeordnet. 

Winchester - Buttercross Winchester - Buttercross - König Alfred

 Folgt man der High Street in westlicher Richtung gelangt man zum Westgate. Das heute als Museum genutzte, befestigte Torhaus entstand im Mittelalter. Über einen Zeitraum von 150 Jahren diente es als Schuldgefängnis. Graffiti der Inhaftierten blieben über die Zeit hinweg erhalten.

Winchester - WestgateWinchester - Westgate

Auf einer Anhöhe liegt The Great Hall. Sie gehörte einst zum Winchester Castle und überdauerte als einziges Bauwerk der Burg die Zeiten. The Great Hall entstand im 13. Jahrhundert und ersetzte einen Vorgängerbau aus dem 12. Jahrhundert. Ursprünglich diente es als Gerichts- und Verwaltungsgebäude. Dort wurde das „Domesday Book“, das Reichsgrundbuch von 1086, verwahrt.

Winchester - The Great HallWinchester - The Great Hall

Nachweislich seit 1463 hängt König Artus Tafel an der Stirnwand. Engländer nennen ihn „King Arthur’s Round Table“. Die Idee des runden Tisches war, dass niemand sich bei Tisch benachteiligt fühlen sollte. Die Geschichte belegt, dass König Artus niemals an diesem Tisch gesessen hat. Und dennoch macht sich der Mythos der „Ritter der Tafelrunde“ gut in der großen Halle. Auf der gegenüberliegenden Seite sprechen zwei massive Eisentore eher empfindsame Gemüter an. Gemeint sind die Wedding Gates. Im Juli 1981 heirateten hinter diesen der Prince of Wales und Lady Diana Frances Spencer. Aber auch „normale“ Bürger dürfen in der Great Hall heiraten.

Winchester - The Great Hall - König Artus Tisch Winchester - The Great Hall - König Artus Tisch Winchester - The Great Hall - Wedding Gates

Seitlich, unterhalb des Tisches, steht eine 4,30 Meter hohe Bronzestatue der Queen Victoria. Auch sie ist einen Blick wert.

Winchester - The Great Hall - Queen Victoria-Statue
Winchester - The Great Hall - Queen Victoria-Statue

Durch Queen Eleanor’s Garden führte unser Weg hinüber zu den Peninsula Barracks und den Military Museums.

Winchester - Queen Eleanor's Garden mit Falkenstatue Winchester - Queen Eleanor's Garden mit Militärmuseen

Die Anlage wird durch ein Tor des „Gurkha Museum“ betreten. Anschließend trifft man auf ein riesiges, von Kasernengebäuden gesäumtes Freigelände. Ein großes Wasserbecken mit Fontäne vervollständigt das Ensemble. Fünf Militärmuseen können besichtigt werden. Jedes ist anders.

Winchester - Military Museums Winchester - Military Museums

Die Militäranlagen wurden auf einem Plateau oberhalb der Stadt errichtet. Besucher verlassen das Areal an der dem Eingangsbereich gegenüberliegenden Seite über Treppenstufen. Später passiert man die 1969 aufgegebene St. Thomas Church. Sie ist ein schützenswertes Gebäude von historischer Bedeutung. Umbenannt in „St Thomas Centre“ wird das Bauwerk derzeit in eine neun Luxuswohnungen umfassende Wohnanlage umgewandelt. Es erstaunt uns immer wieder, wie pragmatisch Briten derartige Dinge angehen.

Winchester - St Thomas Church
Winchester - St Thomas Church

Ein sehenswertes Backsteingebäude ist Serle’s House an der Southgate Street. Der großzügige Bau wurde etwa 1730 errichtet. Heute trägt das Objekt die Bezeichnung „The Royal Hampshire Regiment Memorial Garden & Museum“. Wie der Name es vermuten lässt, werden in einem Raum Erinnerungsstücke der Regimentsgeschichte zwischen 1702 und 1905 ausgestellt. In einem zweiten Raum werden Exponate aus der Zeit zwischen Dünkirchen und dem heutigen Afghanistan gezeigt. Die sonstigen Räume werden von der Militärverwaltung genutzt. Die zum Serle’s House gehörende Gartenanlage ist für Publikumsverkehr geöffnet.

Winchester - Serle's House - Seiteneingang Winchester - The Royal Hampshire Regiment Memorial Garden &  Museum

Zwischen dem militärischen Bereich und der Kathedrale bewegten wir uns in einer gehobenen Wohnlage. Die vorherrschende, gediegene Backsteinarchitektur mit schönen Gärten passt gut zu Winchesters Altstadt. Wir erfreuten uns an von Kletterpflanzen und Büschen eingerahmten, niedrigen Backsteingebäuden mit Veranden, Fachwerkbauten, liebenswerten, kleinen Geschäften und Lokalen. Eine englische Mittelstadt, wie wir sie uns vorstellen. Unser Fazit: Winchester ist einen Besuch wert.

Winchester - Altstadt Winchester - Gehobene Wohnlage Winchester - Gehobene Wohnlage

Winchester - ZentrumWinchester - Zentrum

Übrigens: Eine Visite der sagenumwobenen Kultstätte Stonehenge und der benachbarten Stadt Salisbury wäre mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder Taxen in vertretbarer Zeit und zu annehmbaren Kosten ebenfalls zu realisieren und von Nutzen gewesen.

(Karl Beyer)