Autor: Karl W. P. Beyer

St. Kitts und Nevis, der kleinste Staat auf dem amerikanischen Kontinent, wirbt mit der „berauschenden, natürlichen Schönheit der Insel, Sonne, warmem Wasser und weißen Sandstränden“. Das zu den „Inseln unter dem Winde“ zählende Land spielt unter den karibischen Zielen eine Nebenrolle. Die Hauptinsel St. Kitts misst 168 Quadratkilometer. Die durch einen drei Kilometer breiten Kanal getrennte Nachbarinsel Nevis bringt es auf 93 Quadratkilometer.

Mit dem Kreuzfahrtschiff in Port Zante, dem Kreuzfahrthafen der Inselhauptstadt Basseterre anreisende Besucher, stehen vor der Wahl, wie sie den Zwischenstopp auf St. Kitts angehen sollen. Jene Tagesgäste, die an Bord der Schiffe organisierte Touren gebucht haben, werden sich den Veranstaltern dieser Ausflüge anvertrauen. Individualisten steigen in eine der wartenden Taxen und lassen sich zu den wenigen Sehenswürdigkeiten bringen oder / und planen eine Fahrt mit der St. Kitts Scenic Railway. Beide Besuchergruppen dürften am Ende des Besuchstages feststellen, dass sie annähernd das Gleiche gesehen haben. Für einen Besuch der Nachbarinsel Nevis fehlt Tagesgästen definitiv die Zeit.

St. Kitts - Tagesgäste in Port Zante

St. Kitts - Tagesgäste in Port Zante


Eine Taxi-Rundfahrt dauert circa drei Stunden. Im Mittelpunkt der Exkursion steht die im Nordwesten der Insel gelegene Festung Brimstone Hill Fortress. Die als UNESCO-Weltkulturerbe geadelte Zitadelle 243 Meter hoch über dem Meer. Sie ist die wichtigste und imposanteste historische Anlage der Insel und zählt zu den bemerkenswertesten Bauten der Karibik.

St. Kitts - Brimstone Hill Fortress - Prince of Wales BastionSt. Kitts - Brimstone Hill Fortress - Orillon BastionSt. Kitts - Brimstone Hill Fortress - Kanonen

Der Bau wurde in den 1690er-Jahren begonnen und benötigte bis zur Vollendung annähernd 100 Jahre. Die Initiative zum Bau der Festung ging von französischer Seite aus. Der Ruhm, diese gewaltige Verteidigungsanlage errichtet zu haben, kommt jedoch den Engländern zu. An den steilen Hängen des Brimstone Hill errichtet, ist sie Ausdruck des Einfallreichtums britischer Ingenieure und der Kraft und Ausdauer afrikanischer Arbeitssklaven. Für die Festungsmauern wurde Vulkangestein verwendet, das in aufwendiger Arbeit gewonnen wurde. Bis ins Jahr 1851 wurde die Festung genutzt.

St. Kitts - Brimstone Hill Fortress - Fort George CitadelSt. Kitts - Brimstone Hill Fortress St. Kitts - Brimstone Hill Fortress - Mannschaftsquartier

Ausflugsbusse und Taxen halten an einem Parkplatz unterhalb der Zitadelle. Von dort führt ein steiler Anstieg über Treppen zur Festung hinauf. Im Jahr 2015 kostete der Eintritt 27 East Caribbean Dollars; das entspricht 10 US-Dollars. Die Aussicht von der Höhe ist ausgezeichnet. An klaren Tagen reicht die Sicht bis zu den umliegenden, weit entfernten holländischen, englischen und französischen Inseln.

Ungefähr drei Kilometer entfernt vom Fort liegen am Rand des Zentralgebirges die Plantagen Wingfield Estate und Romney Manor. - Der Besitz Wingfield Estate geht auf das Jahr 1625 zurück. Er gilt als erste funktionsfähige Tabak- und Zuckerplantage. Da der Rohstoff Zuckerrohr in ausreichendem Maße vorhanden war, wurde praktischerweise auch Rum produziert. Bei Führungen werden Einblicke in die vor Hunderten von Jahren üblichen Produktionsmethoden geboten. Relikte jener Zeit können noch heute besichtigt werden, ebenso wie die Überreste der Rum-Destillerie aus dem 17. Jahrhundert.

St. Kitts - Wingfield Estate - Glockenturm St. Kitts - Wingfield Estate - Blick ins Tal

An Wingfield Estate grenzt Romney Manor. Es wurde nach den Nachkommen des Earl of Romney benannt. Das englische Grafengeschlecht errichtete am Ort eine prosperierende Plantage. Von 1735 an residierte es auf beiden Pflanzungen. Nach der Aufhebung der Sklaverei im 19. Jahrhundert und dem Aufkommen des konkurrierenden, preisgünstigeren europäischen Rübenzuckers verkamen die Plantagen im karibischen Raum. So auch Romney Manor.

Seit dem Jahr 1974 produzieren Mitarbeiterinnen der Firma Caribelle Batik im ehemaligen Herrenhaus Batikerzeugnisse. Ein schöner 2½ Hektar großer botanischer Garten voller tropischer Blüten und Tiere erfreut die Besucher. Im Zentrum steht ein knorriger 350 bis 400 Jahre alter Regenbaum. Hinter dem Besitz beginnt der Regenwald, der sich die Hänge des Mount Liamuiga hinaufzieht. Der erloschene Vulkan Liamuiga ist mit 1.156 Metern Höhe der höchste Berg der Insel.

St. Kitts - Romney Manor - GartenSt. Kitts - Romney Manor - Garten

Infolge des permanenten Zuzugs europäischer Siedler und der Einrichtung von Tabak- und Zuckerrohrplantagen verknappte sich der Lebensraum der eingeborenen indianischen Bevölkerung. Diese sammelten Kämpfer von St. Kitts und den Nachbarinseln, um die europäischen Siedlungen anzugreifen und um die Europäer zu vertreiben. Die einander an sich nicht wohl gesonnenen Briten und Franzosen verbündeten sich und sammelten nur wenige Jahre nach dem Beginn der Landnahme im Jahr 1626 Truppen. Durch den Einsatz von Feuerwaffen waren diese den Kariben deutlich überlegen. Die Europäer verloren dem Hörensagen nach zwar an die 100 Mann; auf der Seite der Eingeborenen fielen an einem Tag jedoch 2.000 Kämpfer. Der Ort des furchtbaren Geschehens wird mit Bloody Point bezeichnet. In der Nähe mündet der Bloody River ins Meer. Der Legende nach soll er noch drei Tage nach Ende der Kämpfe vom Blut der massakrierten Indianer rot gefärbt gewesen sein.

St. Kitts - Bloody River

St. Kitts - Bloody River


Zwischen Basseterre und Brimstone Hill Fortress liegt die Kleinstadt Old Road Town. Hier siedelten die ersten Europäer des karibischen Raums. Bis zum Jahr 1727 war der Ort die Insel-Hauptstadt. Der erste, kleine Siedlertreck wurde von Sir Thomas Warner angeführt. Seine Gebeine liegen in der Kirche Saint Thomas Anglican Church begraben.

St. Kitts - St. Thomas Anglican Church in Old Road Town

St. Kitts - St. Thomas Anglican Church in Old Road Town


Nicht unbedingt eine Sehenswürdigkeit, allerdings ein angenehmes Vergnügen ist eine Fahrt mit der St. Kitts Scenic Railway. Die Schmalspurbahn wurde in den Jahren zwischen 1912 und 1926 entlang der Küste gebaut, um Zuckerrohr von den Plantagen zur Weiterverarbeitung nach Basseterre zu transportieren. Nach der Einstellung des Frachtverkehrs reisen Touristen in komfortablen doppelstöckigen Waggons durch die üppige Landschaft, vorbei an Ruinen der Plantagen. Im unteren Teil sind die Wagen geschlossen, im oberen Teil befindet sich eine offene Plattform. Eine Plane schützt vor Sonne und etwaigen tropischen Regengüssen. Jeder Wagen hat eine Bar und Toilette. Während der Fahrt werden alkoholische und alkoholfreie Getränke zur Genüge ausgeschenkt. Wer die Fahrt bucht, fährt 12 Meilen Fahrt mit dem Bus und 18 Meilen mit der Bahn. Das Vergnügen ist nicht billig zu haben. Die Fahrtkosten betragen im Jahr 2015 circa 100 US-Dollar.

Tagesgäste, die nicht über Basseterre hinauskommen, empfinden die etwa 13.000 Einwohner zählende Hauptstadt als typische, karibische Stadt. Eine Mole, an der zwei Kreuzfahrtschiffe liegen können, daneben ein Jachthafen und der Anleger für den Fährverkehr.

Hinter dem massiven gelb angestrichenen Torgebäude des Kreuzfahrtterminals liegt The Circus. Sein Name erklärt sich aus der kolonialen englischen Vergangenheit des Landes. Der mit Bauwerken umstandene Platz wurde mit viktorianischem Patriotismus dem Piccadilly Circus nachempfunden. In der Mitte des Platzes steht das grüne Berkeley Memorial. Der Uhrenturm wurde erbaut, um Thomas B. H. Berkeley, den Präsidenten des „General Legislative Council“, zu ehren.

St. Kitts - Basseterre - Berkeley Memorial

St. Kitts - Basseterre - Berkeley Memorial


Am Circus steht das einstmalige Old Treasury Building. Nach der Aufhebung der Sklaverei wurden zur Fortsetzung der Farmarbeit portugiesische Arbeiter von der Insel Madeira angeworben. Pflanzer hatten in der „Schatzkammer“ für jeden Arbeiter ein Depositum zu hinterlegen, um am Ende der vertraglich geregelten Knechtschaft die Kosten für den Rücktransport der Arbeiter zu decken. Da jedoch nur wenige Arbeiter zurückreisten, sammelte sich über die Jahre ein beachtlicher Kapitalstock an, der für den im Jahr 1894 begonnenen Neubau der Treasury verwendet wurde. Seit dem Jahr 2002 beherbergt das Gebäude das National Museum.

St. Kitts - Basseterre - National Museum

St. Kitts - Basseterre - National Museum


Die ursprünglich Pall Mall Square benannte Parkanlage im Zentrum der Stadt wurde im Jahr 1983 nach Erlangung der politischen Unabhängigkeit in Independence Square umbenannt. Auf dem Pall Mall Square wurden die mit Schiffen ankommenden Sklaven untergebracht und anschließend verkauft. Im Zentrum der Parkanlage steht ein Brunnen, den drei allegorische Frauengestalten und ein Kind schmücken. Er erinnert an die zentrale Wasserversorgung mit Frischwasser, die nach 1855 in Basseterre eingeführt wurde.

St. Kitts - Basseterre - Independence SquareSt. Kitts - Basseterre - Brunnen am Independence Square, dahinter die KathedraleSt. Kitts - Basseterre - Independence Square

Nachdem im Jahr 1713 Engländer die Kontrolle über St. Kitts gewannen, war es römisch-katholischen Gläubigen durch Gesetz verboten, ihren Glauben auszuüben. Auch Repressalien anderer Art folgten. Erst im Jahr 1829 wurden diese Beschränkungen zurückgenommen. Der katholische Glaube gewann rasch wieder an Bedeutung, vor allem der stetige Zustrom arbeitsuchender Zuwanderer aus dem portugiesischen Madeira ließ die katholische Gemeinschaft anwachsen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Church of the Immaculate Conception erbaut, und im Jahr 1927 durch das heutige Gotteshaus ersetzt. Die Kirche wurde zur Co-Kathedrale erhoben.

St. Kitts - Basseterre - Co-Kathedrale St. Kitts - Basseterre - Innenraum der Co-Kathedrale

Am Platz der anglikanischen St. George’s Anglican Church stand zuerst die von Jesuiten während französischer Okkupation errichtete Kirche Notre Dame. Sie brannte im Jahr 1706 nieder, als sich englische und französische Truppen bekriegten. An ihrer Stelle wurde in anglikanischer Strenge St. George’s errichtet.

St. Kitts - Basseterre - St. George's Anglican Church

St. Kitts - Basseterre - St. George's Anglican Church


Eine hübsche Ladenzone öffnet sich vom Hafenausgang zur Stadt hin.

St. Kitts - Basseterre - Ladenzeile vor dem Hafeneingang

St. Kitts - Basseterre - Ladenzeile vor dem Hafeneingang