Autor: Karl W. P. Beyer

Steht während einer Karibik-Kreuzfahrt St. Lucia auf dem Programm, dann legen die großen Kreuzfahrtschiffe im Naturhafen von Castries an. Die weitläufige Bucht macht es mehreren Schiffen zur gleichen Zeit möglich, in Castries zu docken. Der Hafen verfügt nämlich über zwei Liegeplätze. Der eine ist der Pointe Seraphine Pier in der Nähe des kleinen Flughafens. Ihm gegenüber, auf der anderen Hafenseite, liegt das Queen Elizabeth II Dock. Von beiden Orten gelangt der Kreuzfahrer schnell ins Zentrum von Castries.

St. Lucia - Mein Schiff an Pointe Seraphine St. Lucia - Queen Elizabeth ll Dock

Wir haben die Insel St. Lucia mittlerweile zweimal besucht und finden, dass ihre Landschaft mit den Bergen, den Regenwäldern und Plantagen, der Küstenlinie mit ihren schroffen Felsen und den schönen Stränden wirklich sehenswert sind. Im Rahmen eines Erstbesuchs ist es nach unserer Einschätzung viel zu schade, den Aufenthalt auf St. Lucia nur am Strand oder mit einer an Bord des Cruisers gebuchten Katamarantour zu verbinden. Nicht dass so etwas nicht zu empfehlen wäre; eine Inselrundfahrt vermittelt jedoch die besseren Eindrücke und Informationen über diese grüne Insel. Wie anders als im Verlauf einer Rundfahrt sollte man die Insel kennenlernen? Die Hauptstadt Castries selbst bietet wenig Sehenswertes. Nach einem verheerenden Brand im Jahr 1948 sind praktisch keine historischen Bauwerke mehr in der Inselhauptstadt stehen geblieben.

Wir treten grundsätzlich für individuelle Trips ein. Wir meiden Massenveranstaltungen. Nur wenn es unvermeidlich ist, buchen wir eine auf dem Schiff angebotene Tour. Auf St. Lucia kann man jedoch getrost eine individuelle Fahrt buchen. Eine Inselrundfahrt mit einem Minibus hat für uns absolute Priorität.

Tourenbuchungen werden vor dem Welcome Centre am Pointe Seraphine Pier und am Queen Elizabeth II Dock von den Mitarbeitern der Taxi-Kooperative vorgenommen. Das Prozedere läuft hier wie in anderen Karibikhäfen nach einem einheitlichen Schema ab. Mit Fototafeln und Inselkarten ausgestattet, versuchen die englischsprachigen Organisatoren interessierte Fahrgäste am Pier „einzufangen“ und für eine Taxitour zu gewinnen. Eine Halbtagstour ist etwa mit 25 US$ pro Kopf zu kalkulieren. Rechnet man ein Trinkgeld für den Fahrer hinzu, kommt man je nach Großzügigkeit vielleicht auf 50 bis 60 Dollar. Dafür erhält man in den meisten Fällen einen Fahrer, der stolz ist, dem Gast seine Heimat präsentieren zu dürfen, der jeden Bordstein und jeden Straßenhund kennt und dem es nicht zu viel ist, auch einmal am Straßenrand anzuhalten, weil er uns Fahrgästen unbedingt einen Kolibri zeigen muss, der gerade auf einem Zweig sitzt.

St.  Lucia - Welcome Centre

St.  Lucia - Welcome Centre


Wir besuchten St. Lucia im Jahr 2010 das erste Mal und entschieden uns für eine Rundfahrt. Und wir hatten das besondere Glück, mit I. James von der Courtesy Taxi Co-Op, auf einen wie oben beschriebenen Fahrer zu treffen. Es dauerte auch nicht lange, eine kleine Gruppe von acht Personen zu bilden. Und dann begann das Vergnügen.

Die von See weithin sichtbaren Insel-Wahrzeichen sind die Vulkankegel der beiden Pitons nahe Soufrière. Es versteht sich, dass die etwa fünfstündige Tour mit dem Minibus uns nahe an Soufrière heranführte. Zuerst ging es durch das quirlige Castries und dann hinauf auf die die Stadt umgebenden Hügel. An schönen Aussichtspunkten wurde gehalten, um uns und vor allen den Fotografen unter uns, die „richtigen“ (Foto-) Motive zu bieten. Die Insel ist außerordentlich grün. Wer jetzt aber an den tropischen Regenwald denkt, wird enttäuscht sein. Der Eindruck von Grün wird durch viele (Bananen-) Plantagen hervorgerufen. Dennoch entsteht nicht der Eindruck einer langweiligen Landschaft. Unterschiedlichste Palmen, Mangobäume, Büsche und Sträucher lockern das strenge und geordnete Bild der Plantagen auf.

St. Lucia - Plantagenland

St. Lucia - Plantagenland


Zwischendurch darf auch einmal ein Blick auf die Straße geworfen werden. Beispielsweise auf den vor uns fahrenden Pritschenwagen, auf dessen Bordwänden mehrere Beifahrer hocken. Wozu brauchen wir Sicherheitsgurte? Es scheint doch die Sonne! Hinter Anse la Raye, einem an einer kleinen Bucht liegenden Dörfchen, machte der Fahrer wieder einen Stopp, damit wir das Panorama genießen konnten. Bald darauf folgte ein Aussichtspunkt, der einen weiten Blick auf das Karibische Meer und das umliegende Bergland ermöglicht. Schnell werden uns an einem Straßenkiosk der Inhaber, sein Hund und diverse Früchte des Landes vorgestellt. Nicht zum Zwecke einer Verkaufsveranstaltung, sondern im Sinne von „schaut her, das alles gibt es bei uns“.

St. Lucia - Effizienter Transport St. Lucia - Unser Fahrer I. James

Eineinhalb Stunden nach Antritt der Fahrt standen wir an einem Aussichtspunkt oberhalb von Soufrière und bestaunten das Panorama der beiden Pitons und der vor ihnen an einer kleinen Bucht ausgebreiteten Stadt. Der Gros Piton misst 786 Meter Höhe, der Petit Piton nur 739 Meter. Die Höhenangaben variieren leicht in der Literatur. Die beiden Vulkankegel liegen im 3.000 ha großen Pitons Management Area, das je nach Höhenzone tropischen und subtropischen Regenwald und Trockenwald aufweist. Bedingt durch seine Artenvielfalt und die landschaftliche Schönheit steht das Areal auf der Liste des UNESCO-Weltnaturerbes. Die Berge überragen alle anderen Hügel der Umgebung. Sie sehen gigantisch aus. Wie wir hörten, ist es möglich, in der Region extrem anspruchsvolle Berg-Wandertouren auf den Gros Piton zu buchen.

St. Lucia - Soufrière mit den Pitons

St. Lucia - Soufrière mit den Pitons


In der Nähe der Pitons liegen die Schwefelquellen (Sulphur Springs) von Malgretoute, etwas hochtrabend als Drive In Vulcano bezeichnet. Diese wurden von unserem Fahrer nach Soufrière angesteuert. Die Schwefelquellen liegen ebenfalls in einer Schutzzone. Ein paar US$ Gebühr sind beim Eintritt ins Gelände zu zahlen. Parkranger geben an den Schwefelquellen Auskünfte. Das Ganze ist eher ein etwas ungemütliches Fleckchen Erde. Im Austrittsbereich des kochend heißen Wassers, eine undefinierbare Brühe quillt aus Felsspalten hervor, wächst keine Pflanze und lebt keine Kreatur. Das karstige Gelände weist Spuren von Schwefel auf. Und danach riecht es auch.

St. Lucia - Tödliche Schwefelbrühe St. Lucia - Schwefeldämpfe

Nahebei fanden wir die Überreste eine alten Badehauses, das im Jahr 1902 errichtet wurde, um therapeutischen Nutzen aus dem dann schon abgekühlten Wasser zu ziehen. Die therapeutischen Wirkungen sollen denen des Wassers von Aix les Bains im französischen Savoyen entsprechen.

Ein weiterer kleiner Naturhafen ist das 20 Meilen von Castries entfernt liegende Marigot Bay. Ihn steuerte I. James nach Malgretoute an. Genauer gesprochen, eine Höhe oberhalb des Ortes. Der wunderschön gelegene Ort war ehemals ein Piratenversteck und später ein Marinestützpunkt. Im Laufe der Zeit wichen die Piraten modernen Hotels, Restaurants und Bars. Der Autor James Michener beschrieb Marigot als „schönste Bucht der Karibik“. Der Hafen war Schauplatz mehrerer Spielfilme. Zum Beispiel diente er als Kulisse für den Spielfilm Dr. Doolittle mit Rex Harrison. Es ist ein Genuss, auf den malerischen Hafen mit den dort ankernden Jachten zu blicken. In den Hügeln oberhalb der Bucht verstecken sich Villen. Wir können uns diesen Ort gut als Feriendomizil vorstellen.

St. Lucia - Marigot Bay

St. Lucia - Marigot Bay


Nach Verlassen Marigots ging es zurück in Richtung Castries. Der letzte Halt bot einen Blick auf den kleinen Flughafen von Pointe Seraphine, den Dienstsitz des Gouverneurs,

den Hafen und die sich daran anschließende Küstenformation. Von hier oben ist gut zu sehen, dass Castries im flachen Ortszentrum keine städtebaulichen Highlights bieten kann. Schöne, attraktive Wohnlagen ziehen sich an den umliegenden Hängen entlang.

St. Lucia - Gouverneurspalast St. Lucia - Blick über Castries

Die Tour hat uns für zwei Personen inklusive des Eintritts bei den Schwefelquellen und Trinkgeld für den Fahrer 87,00 US$ gekostet. Das ist uns deutlich preiswerter gekommen als eine vergleichbare Tour, die wir an Bord von Mein Schiff hätten buchen können. Ganz davon abgesehen, dass wir als Kleingruppe das Privileg hatten, unter der Obhut unseres Fahrers eine ungetrübte und ruhig verlaufene Exkursion auf der schönen Insel zu verbringen.

Welchen Ausflug hat Mein Schiff eigentlich seinen Gästen angeboten? Unter dem Titel Mit dem Großsegler auf Schatzsuche ging es mit der Brig Unicorn, einem 2-Mast-Großsegler, an der Westküste in nördlicher Richtung bis Pigeon Island. Dort wurden die Gäste in Ruderbooten ausgetendert, um das Strandleben zu genießen, oder um einen Blick auf Fort Rodneys zu werfen. Zurück an Bord der Brig rundeten Snacks und Rum- oder Fruchtpunsch den Ausflug ab. Kosten 55 Euro pro Person. Na ja, wer’s braucht. Es ist schwer vorstellbar, dass die Teilnehmer beim anliegenden Kurs von See aus die beiden Pitons gesehen haben.

St. Lucia - Brig Unicorn St. Lucia - Pigeon Island