Toamasina – das wenig bekannte Reiseziel

Gut 400 Seemeilen trennen die im Nordwesten Madagaskars gelegene Hafenstadt Antsiranana von Toamasina. Zu Kolonialzeiten wurde die Stadt Tamatave genannt; der Name ist heute noch vielfach gebräuchlich. Toamasina, mit 275.000 Einwohnern (Stand 2013) die zweitgrößte Stadt des Landes, liegt im Osten Madagaskars am Indischen Ozean. Der Hafen ist der größte des Landes. Die Stadt ist Provinzhauptstadt, Verwaltungssitz und Hochschulstandort. Vor allem aber ist sie - hafenbedingt - das Zentrum der Exportwirtschaft Madagaskars.

Madagaskar - Hafenanlagen von Toamasina

Madagaskar - Hafenanlagen von Toamasina


Ein touristisches Ziel von internationaler Bedeutung ist Toamasina jedoch nicht. Stattdessen nutzen die Einwohner der madagassischen Hauptstadt Antananarivo die Stadt vielfach als Ausflugsziel. Anziehungspunkte von regionaler Bedeutung sind der in Teilen schiffbare Pangalanes Kanal und der 30 Autominuten nördlich der Stadt gelegene Ivoloina National Park.

Madagaskar - Hafenanlagen von Toamasina

Madagaskar - Hafenanlagen von Toamasina


Wir lernen Toamasina im Februar 2017 im Rahmen einer Rundreise im Indischen Ozean mit der Costa neoRomantica kennen. Vom Schiff gesehen präsentiert sich Toamasina mit breitem, naturbelassenem Strand und dichtem Baumbewuchs. Hohe Bauten fehlen völlig; lediglich Kirchtürme überragen das viele Grün. Es ist schwer vorstellbar, dass die Einwohnerzahl bei 275.000 liegen soll.

Madagaskar - Bucht von Toamasina

Madagaskar - Bucht von Toamasina


Leider legt das Kreuzfahrtschiff nur einen kurzen siebenstündigen Stopp an diesem Etappenziel ein. Für eine eigenständig organisierte Tour zu den vorgenannten Sehenswürdigkeiten bleibt nicht genügend Zeit. Für die Erkundung der Stadt mit dem Tuk-Tuk reicht die Zeit aber allemal aus.

Mehrere Tuk-Tuks, Motorradrikschas, stehen am Hafenausgang bereit. An einem Kiosk werden Voucher für Rikscha Fahrten verkauft. Für 15 Euro werden die Gäste eine Stunde durch Toamasina gefahren. Gehalten wird, wann und wo der Fahrgast es wünscht. Ansonsten folgt der Fahrer einer, die markanten Punkte im Stadtgebiet beinhaltenden Standardroute.

Madagaskar - Toamasina - Wartende Tuk Tuks

Madagaskar - Toamasina - Wartende Tuk Tuks


Wir starten unsere Rundfahrt

Ein Tuk-Tuk wirkt winzig klein. Hat man jedoch erst einmal einen der zwei Plätze auf der Rückbank eingenommen, wirkt das urige Gefährt durchaus kommod. Wir verlassen den Außenbereich der großen Hafenanlage und fahren parallel zum Sandstrand in Richtung Zentrum. Am Weg liegt die Kathedrale St. Joseph. Die mit zwei mächtigen Doppeltürmen versehene Kirche kann man nicht übersehen. Wie nachzulesen ist, wird dort die Messe in einer Kombination aus französischer und chinesischer Sprache gehalten. Diese spezielle Situation ist dem ursprünglich hohen chinesischen Bevölkerungsanteil christlichen Glaubens geschuldet.

Madagaskar - Toamasina - Kathedrale Saint Joseph

Madagaskar - Toamasina - Kathedrale Saint Joseph


Der der Kirche gegenüberliegende Strand ist sehr breit und teilweise mit Grasinseln durchsetzt. Auch genügend dichte, schattenspendende Baumgruppen sind vorhanden. Hätten wir keine Rikscha gebucht, würde das alles zu einem Strandaufenthalt und einem Bad im Indischen Ozean einladen. Ein Besuch des Strandes wäre akzeptabel, auf ein Bad muss man verzichten. Der uns klar erscheinende Ozean ist mit Umweltgiften belastet, und außerdem sollen auch Haie in Küstennähe auf Beute lauern.

Madagaskar - Toamasina - Uferzone

Madagaskar - Toamasina - Uferzone


Vor Haien muss man sich nicht in der Avenue de l'Independance fürchten. Sie ist die Prachtstraße der Stadt. Die von Palmen gesäumte Straße besitzt zwei gegenläufige Fahrspuren und einen breiten, grünen Mittelstreifen mit Fußwegen. An der Straße liegen neben der anglikanischen Santa-Jakoba-Kathedrale einige Banken, Restaurants, das Postamt sowie mehrere öffentliche Gebäude. Die Avenue de l'Independance stößt auf den ehemaligen Boulevard Maréchal Foch, heute Boulevard de l‘OUA. Dort, an der Stirnseite, steht das moderne Rathaus. Das Hôtel de Ville hält optisch einem Vergleich mit jedem anderen neuzeitlichen Verwaltungsbau der westlichen Welt stand. Von den Rathausstufen geht der Blick über die mit einem Brunnen geschmückte Grünanlage und darüber hinaus bis zur Bucht von Toamasina.

Madagaskar - Toamasina - Avenue de l'Independance Madagaskar - Toamasina - Bankhaus Madagaskar - Toamasina - Verwaltungsgebäude der Provinzialregierung

Madagaskar - Toamasina - Anglikanische Santa Jakoba Kathedrale Madagaskar - Toamasina - Rathaus

 Madagaskar - Toamasina - Promenade der Avenue de l'Independance

Vorbei am Bahnhof, einem Viehmarkt und durch ein Gewerbeviertel geht die Fahrt hinüber zum Bazary Be, der großen Markthalle. Hier gibt es offenbar alles, was das Herz begehrt: Garküchen, Kleidung, Lebensmittel, Möbel und noch viel mehr.

Madagaskar - Toamasina - Viehmarkt Madagaskar - Toamasina - Garküchen im Bazary Be

Madagaskar - Toamasina - Bazary Be Madagaskar - Toamasina - Bazary Be

Unser Fahrer zeigt uns den geschäftigen Boulevard Joffre, danach biegt er wieder in Richtung Strand ab. Ziel sind die vielen typischen, schilfgedeckten Strandrestaurants und –bars. An einigen rauchen bereits zur Mittagszeit Holzkohlenfeuer. Auf dem schattigen Grünstreifen zwischen den Restaurants und dem Strand grasen Kühe. Einige Männer haben ihre Fahrräder abgestellt und entspannen im Schatten. In weiterer Entfernung stehen am Ufer Sonnenschirme, Tische und Stühle. Die gehören offenbar zu einem der Strandrestaurants.

Madagaskar - Toamasina - Strandbars Madagaskar - Toamasina - Strandvergnügen I

Madagaskar - Toamasina - Strandvergnügen II Madagaskar - Toamasina - Strandvergnügen III

Im gegenüberliegenden Hafen ragen die modernen Verladeeinrichtungen in den Himmel. Und auch unser Kreuzfahrtschiff liegt wie auf einem Präsentierteller vor uns.

Costa neoRomantica im Hafen von Toamasina

Costa neoRomantica im Hafen von Toamasina


Als Nächstes finden wir uns in der Nähe des Leuchtturms von Toamasina wieder. Vor uns liegt das Zentral-Hospital der Stadt. Es ist eine Einrichtung der Universität von Antananarivo. Hier endet die Route; der Fahrer kehrt um. Eine Landmarke ist ein in einer Gartenanlage liegendes großes, völlig zerstörtes Gebäude. Es ist traurig, solche Schäden sehen zu müssen. Und auch später sehen wir noch weitere verfallene, unbewohnbare Häuser.

Madagaskar - Toamasina - Leuchtturm Madagaskar - Toamasina - Centre Hospitalier Universitaire

Madagaskar - Toamasina - Verfall am Pangalanes Kanal Madagaskar - Toamasina - Verfall anderswo

Wir queren nun schon zum wiederholten Mal den Pangalanes Kanal. Der mehr als 600 km lange, von der französischen Kolonialmacht künstlich geschaffene Süßwasserkanal verläuft parallel zur Ostküste des Landes. Der zwischen 1986 und 1904 gebaute Kanal verband Toamasina mit Farafangana. Beim Bau des Wasserlaufs wurden vorhandene natürliche Lagunen genutzt. Alten Quellen zufolge galt der Kanal zur damaligen Zeit als teuerstes französisches Kolonialprojekt. Heerscharen von Zwangsarbeitern wurden eingesetzt und unzählige Todesopfer waren beim Bau des Kanals zu beklagen. Weite Teile des Kanals sind mittlerweile versandet. Pirogen und Frachtkähne können nur noch Teile des Pangalanes nutzen. Ein Besuch des Kanals wird Passagieren von Kreuzfahrtschiffen als Ausflugsziel angeboten.

Bald darauf passieren wir in einem Gewerbegebiet Dutzende geparkte LKWs, und kurz danach liegt ein Hafenbecken mit Kais und einer kleinen Werft vor uns. Von dort starten die Pangalanes-Bootstouren für Einheimische und Touristen. Einige Fahrgäste und Mengen an Gütern warten auf die nächste Abfahrt.

Madagaskar - Toamasina - LKWs in der Rue de Rigny Madagaskar - Toamasina - Hafenbecken des Pangalanes Kanals

Madagaskar - Toamasina - Werft am Pangalanes Kanal Madagaskar - Toamasina - Ein Schiff wird kommen - Haltepunkt der Pangalanes Kanal-Touren

Auf Toamasinas Straßen geht es lebhaft zu. Last- und Personenwagen, Kleinbusse, Pousse-Pousse-Rikschas, Tuk-Tuks und merkwürdige vierrädrige von Männern geschobene Transporter erzeugen ein großes Durcheinander.

Madagaskar - Toamasina - Sprinter Rikscha Usain Bolt Madagaskar - Toamasina - Altmodischer Lastentransport

Der Fahrer passiert währenddessen die Kirche Notre Dame de Lourdes, die größte katholische Kirche des gesamten Erzbistums Toamasina.

Madagaskar - Toamasina - Kirche Notre Dame de Lourdes

Madagaskar - Toamasina - Kirche Notre Dame de Lourdes


Dann fahren wir noch einmal durch die Avenue de l'Independance. Bald darauf stehen wir wieder vor dem Hafeneingang.

Madagaskar - Toamasina - Restaurant in der Avenue de l'Independance

Madagaskar - Toamasina - Restaurant in der Avenue de l'Independance


Fazit:

Wir meiden wo es möglich ist, von Dritten organisierte Touren. Sie sind dem Massengeschmack angepasst, überteuert und erfordern zudem Anpassung an die Bedürfnisse der Mehrheit der Teilnehmer. In exotischen Regionen nutzen wir gern Taxen. Im Vergleich zum Taxi ist die Fahrt mit dem Tuk-Tuk jedoch wesentlich authentischer.

Das Geld ist für diese Art von Rundfahrten gut angelegt. Es erreicht diejenigen, die es wirklich brauchen. Das gilt im Übrigen auch für die Lenker der Fahrradrikschas. Sie stehen im Ansehen der Berufe ganz weit unten, und brauchen erst recht das wenige Geld, das sie einnehmen zum Überleben. Wir empfehlen diese für westliche Vorstellungen ungewohnten Fortbewegungsmittel.