Autor: Karl W. P. Beyer

Die flämische Stadt Brügge bietet ideale Voraussetzungen für individuelle Rundgänge durch das historische Stadtzentrum. Die Centraal Station erreichen wir vom Hafen Zeebrügge aus mit dem Zug. Vor unserem Stadtrundgang besuchen wir zuerst die Touristeninformation „In&Out“. Sie liegt in der Nähe des Bahnhofs am 't Zand, einem weitläufigen Platz im Zentrum Brügges. Gäste erhalten im Web und vor Ort ausgezeichnete Informationen zu Rundgängen in Brügge. An der Information starten auch die Gruppenführungen.

Die Touristeninformation liegt neben dem Concertgebouw. Brügges 120 m lange und 50 m breite Konzerthalle ist mit ihrer roten Farbgebung wahrlich nicht zu übersehen. Ihr Auditorium bietet 1.300 Personen Platz. In dem dazugehörigen 28 m hohen „Laternenturm“ fand ein 300 Plätze bietender Kammermusiksaal Platz. Jährlich werden mehr als 100 Konzerte vieler Stilrichtungen im Concertgebouw organisiert. Die Stadt leistete sich die bemerkenswerte Konzerthalle in Verbindung mit der Ernennung Brügges zur Europäischen Kulturhauptstadt 2002.

Brügges Concertgebouw

Brügges Concertgebouw


Danach gehen wir durch eine Grünanlage zum Minnewater. Das heute klein und beschaulich wirkende Wasserbecken war in früheren Zeiten Anleger der Transportschuten, die zwischen Brügge und Gent verkehrten.

Vom Minnewater hinüber zum Beginenhof „Ten Wijngaarde“ ist es nicht weit. Er wurde im Jahr 1245 gestiftet. In dem weitläufigen Komplex kann nachvollzogen werden, wie die Beginen in ihrer christlichen, ordensähnlichen Gemeinschaft lebten. Beginen gibt es keine mehr, heute bewohnen Benediktinerinnen die weiß gekalkten Häuser. Täglich wird um 18:30 Uhr das große Tor der jetzigen Klosteranlage geschlossen.

Beginenhof

Beginenhof


Nicht mehr als einen Katzensprung ist es von den „Beginen“ zur Halve-Maan-Brouwerij. Schon in den Annalen des Jahres 1546 wird die Brauerei erwähnt. Ihr Standort ist Walplein 26, das liegt im Zentrum Brügges. Durch einen großen Torbogen betritt man den Innenhof. Brauereiführungen werden selbstverständlich angeboten. Noch heute wird an diesem historischen Standort gebraut. Es ist das obergärige „Brugse Zot“ Bier.

De Halve-Maan-Brauerei

De Halve-Maan-Brauerei


Wer eines der ältesten Hospitale Europas sehen möchte, in Brügge findet er das Oude Sint Janshospitaal. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurde anstelle des ursprünglichen aus dem 12. Jahrhundert stammenden Hospitals ein Neubau errichtet. Schließlich wuchs der Bedarf an Herberge und Pflege kranker Pilger an. Brügge war Etappenziel des Jakobswegs. Drei neue Abteilungen wurden errichtet. Den Dienst an den Kranken versahen Ordensschwestern und -brüder.

Oud Sint Janshospitaal     Damit es nicht reinregnet

Im Museum des Hospitals lernt der Besucher einen der großen Krankensäle kennen mit allem Mobiliar und den üblichen Gebrauchsgegenständen. Heute erinnert das Museum an die alten Zeiten. Die Anlage dient inzwischen als Ausstellungsfläche, Veranstaltungsort und Konferenzzentrum.

LiebfrauenkircheDie Entfernung zwischen dem Hospital und der Onze Lieve Vrouwekerk (Liebfrauenkirche) in der Mariaastrat ist nur gering. Ihr 122 m hoher Turm wurde aus Backsteinen erbaut. Das gilt noch heute als technische Meisterleistung.Die Kirche ist berühmt für ihre vielen Kunstwerke. Besonders gerühmt wird Michelangelos Gemälde „Madonna mit Kind“. Leider konnten wir wegen laufender Bauarbeiten im Herbst 2012 die ganze Pracht der Ausstattung nicht wahrnehmen. Die Kirche hat Museumsstatus. Sie ist nur noch in einem Teilbereich Gotteshaus.

Orgel der Sint Salvator KathedraalDurch die Heilige Geeststraat geht es hinüber zu Brügges ältester Pfarrkirche, der St. Salvatorkathedrale. Die Ursprünge des im gotischen Stil erbauten Gotteshauses gehen auf die Zeit um das Jahr 1250 zurück. Da wir während eines Gottesdienstes die Kathedrale besuchten, war es uns nicht möglich, den Orgelchor und das Chorgestühl zu sehen. Auch die Wappen der Ritter des Goldenen Vlies’ blieben uns verborgen. Sehenswert soll das Kathedralmuseum sein. Es enthält Gemälde, Grabplatten und Reliquienschreine. Den aus dem 18. Jahrhundert stammenden Wandteppichen wird ein unschätzbarer Wert nachgesagt.

Einige Hundert Meter trennen die Kathedrale und den Grote Markt. Der Weg dorthin führt durch die geschäftigsten Viertel der Stadt. Es fällt schwer, sich dort nicht zu verzetteln. Der Marktplatz überwältigt den Besucher. Wir schätzen die Maße auf 100 mal 70 Meter. Die nördliche Flanke wird von schmalen Häusern eingenommen, die ausschließlich als Restaurants genutzt werden.

Dies ist der richtige Ort um einen Imbiss einzunehmen. Wir haben schließlich genügend Zeit. Und allen Geschmackserwartungen wird Genüge getan. Die westliche Seite des Grote Markt bietet Geschäften und Bürohäusern Platz. Gegenüber steht der im neugotischen Stil errichtete Provinciaal Hof. Hier tagten die Vertreter der Provinz. In heutiger Zeit hat das Gebäude nur noch zeremonielle Bedeutung. Das Gebäude kann zu bestimmten Zeiten besichtigt werden. Die südliche Seite des Marktes wird vom Belfried und den Hallen eingenommen.

De Grote Markt

De Grote Markt


Ein „Schiefer Turm“ und der Besucher merkt es nicht. Um 1,19 m neigt sich der Turm zur linken Seite. Der Belfried ist der Inbegriff der Marktfreiheit einer Stadt. Die Türme galten einst als sichere Aufbewahrungsorte für Archive und Stadtschätze. Auch als Wachtürme vor Feind und Feuer waren sie von großem Nutzen. Brügges Belfried wurde ab 1240 als Bestandteil der Hallen erbaut. In den Hallen wurden Tuche gehandelt. Mehrmals brannte der Turm. Einmal ging sogar das Stadtarchiv bei einem Feuer verloren. So oft er auch brannte, so oft wurde der Belfried wieder aufgebaut. Das in neugotischem Stil gehaltende, achteckige Obergeschoss stammt aus dem Jahr 1822.

Hallen am Belfried

Hallen am Belfried


Der Turm besitzt ein aus 47 Glocken bestehendes Glockenspiel (Carillon). Regelmäßig werden ausgiebige Glockenkonzerte gespielt. Auch wir kommen in den Genuss des variantenreichen Spiels. Am Ende sind wir erleichtert, als der Melodienreigen endet. Über 366 Stufen kann die Aussichtsplattform erklommen werden. Uns war der Aufstieg wegen einer langen Wartezeit leider verwehrt. Schade, den Blick auf die Stadt hätten wir gern genossen.

Nur gerade einmal 100 m sind es vom Grote Markt zum Burgplatz. Hier steht das Rathaus. Ohne Übertreibung darf man wohl sagen, dass Brügges Rathaus zu den ältesten und schönsten Rathäusern Europas zählt. Ab 1376 wurde es errichtet. Der gotische Saal ist ein Kunstwerk. Die aus dem 19. Jahrhundert stammenden Wandmalereien stellen Szenen aus Brügges Geschichte dar. Über allem ruht ein Eichengewölbe. Nebenan werden im „Historischen Saal“ geschichtsrelevante Objekte und Dokumente ausgestellt. Die Fassade des Rathauses schmücken 49 Statuen biblischer Gestalten und weltlicher Herrscher.

Fassade des Stadthuis

Fassade des Stadthuis


Direkt neben dem Rathaus befindet sich ein eher unauffälliges Gotteshaus. Es ist die Doppelkirche der Heilig-Blutbasilika. Architektonisch besteht sie aus zwei übereinander gebauten Gotteshäusern. Das sind die unten gelegene romanische St.-Basilius-Kirche und die als gotische Basilika ausgelegte Heilig Blutkapelle. In ihr wird die Reliquie des „Heiligen Bluts“ aufbewahrt. Bei ihr soll es sich um einige Tropfen Bluts des Heilands handeln, die nach dem zweiten Jerusalem-Kreuzzug der Stadt Brügge von einem Adeligen geschenkt wurden.

Heilig Blutbasilika

Was sehen wir noch am Burgplatz? Drei weitere sehenswerte Gebäude fallen ins Auge. Es sind ...

... die Alte Kanzlei,

Die Alte Kanzleiein ans Rathaus angelehntes, im 16. Jahrhundert errichtetes Renaissancegebäude. Den mittleren der drei Giebel krönt eine goldfarbene Justitia, die auf den ursprünglichen Verwendungszweck hinweist. Nach Errichtung des Alten Gerichtshofes wurde das prächtige Renaissancebauwerk zur Stadtkanzlei umgewidmet.

... der Alte Gerichtshof,

Der Alte Gerichtshofer war nicht allein Sitz des Gerichtes. Hier tagte der Rat der „freien“ Bürger der Region. Deshalb heißt das Gebäude „Landhaus des Brügger Freiamtes“. Das Wappen über dem Eingangstor bezeugt diese Aufgabe.

 

... die Dompropstei,

Dompropsteiein im 17. Jahrhundert fertiggestelltes Gebäude. In ihm residierten die Pröpste der St. Donatianskathedrale. Das Gotteshaus stand dem Rathaus gegenüber. Es wurde im Jahr 1799 abgerissen. Teile seiner Grundmauern können im Kellergeschoss des Crowne Plaza Hotels besichtigt werden.

Unter dem Bogen der Alten Kanzlei geht es hinunter In Richtung Fischmarkt. Die von Säulen getragene und im klassizistischen Stil erbaute Anlage entstand 1820. An Wochentragen wird hier vormittags der traditionelle Fischmarkt abgehalten.

Vismarkt

Bevor wir das Gebäude ansehen, machen wir eine Grachtenfahrt. Das ist ein „Muss“ in Brügge. Die Fahrten präsentieren Brügges Sehenswürdigkeiten aus der niedrigen Wasserperspektive.

Brügge vom Boot aus gesehen

Brügge vom Boot aus gesehen


Fünf Anlegestellen werden für Grachtenfahrten bereitgehalten. Wir starten am Anlegeplatz Huidenvettersplein und müssen kaum warten. Das nennt man Glück. Je nach Anlegeplatz ist schon einmal mit längeren Wartezeiten zu rechnen. Die Rundfahrt dauert 30 Minuten und kostet pro Person 7,60 Euro. Die Boote sind offen. Für den Fall, dass es während der Fahrt regnet, halten die Bootsführer Regenschirme bereit. Sie erläutern in den geläufigsten Sprachen die Sehenswürdigkeiten.

Ein Zaungast     Brügge die Kunststadt    

PoorterslogeDie Fahrt zeigt eine Sehenswürdigkeit, die nicht allzu weit vom Grote Markt entfernt ist. Da sie ein klein wenig abseits der touristischen Pfade liegt, bekommt man sie bei einem Rundgang kaum zu sehen. Gemeint ist die am Jean van Eyck Plein aufragende Poortersloge. Das Bauwerk wurde im 15. Jahrhundert errichtet. Es war die Versammlungsstätte der Bürger Brügges und Treffpunkt der wohlhabenden Kaufleute. Der prächtige Profanbau sieht wie eine Kirche aus. Davor steht die Statue des angesehenen flämischen Malers Jean van Eyck, der im 15. Jahrhundert zu Ruhm gelangte.

Nach Abschluss der Grachtenfahrt geht es vom Huidenvettersplein am Fischmarkt vorbei hinüber zum Groeningemuseum. Eine Zeit lang gehen wir an der Dijvergracht entlang. Besonders ein Aussichtspunkt am Rozenhoedkaai lässt die Fotografen immer wieder zur Kamera greifen. Im Vordergrund liegen die Gracht und mehrere Terrassen von Restaurants, im Hintergrund überragt der Belfried die Szene.

Boote auf der Dijvergracht

Boote auf der Dijvergracht


Hinter der Liebfrauenkirche versteckt liegt ein Museumskomplex. Unter den Museen ragt das Groeningemuseum heraus. In angenehmer Atmosphäre werden Kunstwerke niederländischer und flämischer Künstler präsentiert. Die Exposition reicht von den Alten Meistern, über die Flämischen Primitiven bis hin zu den flämischen Expressionisten.

Groeningemuseum

Zum Abschluss bummeln wir noch die „Groeninge“ hinunter. Nach 400 m stehen wir vor den Godshuizen, den „Gotteshäusern“. Am „Nieuwe Gentweg“ liegen die im 17. Jahrhundert errichteten Stiftungshäuser Meulenaere und St. Jozef. Die Häuser wurden zu wohltätigen Zwecken errichtet, um die Ärmsten der Armen zu versorgen. Das Recht in den kleinen Wohnungen zu wohnen, war regelmäßig damit verbunden, dass die Stifter sich geistige Führbitten ihrer Bewohner ausbedungen hatten.

Stiftungshäuser

Summa summarum haben wir nach diesem Weg an die fünf Kilometer in Brügge zurückgelegt und die wesentlichen Gebäude und Plätze gesehen. Wäre uns danach gewesen, hätten wir noch einzelne Museen ansehen können. Wir haben noch Zeit für eine Erfrischung, bevor wir mit einem kleinen Einkaufsbummel unseren Aufenthalt in Brügge abschließen. Wir lesen auf der Tourismusseite der Stadt, dass 49 (in Worten neunundvierzig) Chocolatiers um die Gunst der Kunden buhlen. Auch Souvenirgeschäfte, Anbieter belgischer Spitzen, Kunstgalerien und vieles mehr machen den internationalen Besuchern verlockende Angebote.

Ehe wir es vergessen, jene Gäste, die mehr als einen Tag in der Stadt zubringen dürfen, sind zu beneiden. Auf sie warten eine Reihe angenehmer Hotels und eine Vielzahl interessanter Restaurants. Wir wissen, wovon wir sprechen. Brügge ist einen Besuch wert.