Strandabschnitt bei ZeebrueggeDas Kreuzfahrtschiff läuft Zeebrügge an. Und nun? Zeebrügge lockt mit einem breiten Strand und einer Fischauktionshalle, dem Hafen oder der „Seafront Zeebrügge“. Diese Lustbarkeiten locken jene Gäste, deren Sinn überhaupt nicht auf die nahe gelegenen historischen Orte Brügge und Gent eingerichtet ist. Zeebrügge ist, der Vollständigkeit halber sei es erwähnt, ein Stadtteil Brügges. Bis ins Zentrum der Stadt sind es gerade einmal 20 Kilometer.

Was aber tun, wenn man Brügge kennt und Neues sehen möchte? Da fallen uns spontan als mögliche Alternativen Antwerpen oder Gent ein. Wir mögen das Zentrum Antwerpens sehr und haben darüber bereits berichtet. Belgiens zweitgrößte Stadtregion mit ihren annähernd 500.000 Einwohnern sollte man regelmäßig besuchen. Leider nimmt die Fahrt von Zeebrügge bis Antwerpen gut und gerne 1¾ Stunden in Anspruch. Das ist sehr viel für einen Tagesstopp in Zeebrügge.

Gent - Zwei von drei TürmenBleibt immer noch Gent. Die Distanz zwischen Zeebrügge und Gent beträgt gerade einmal 70 Kilometer. Hinzu kommt, dass es ähnlich viel zu sehen gibt wie in Brügge. Unter den großen Städten Belgiens ist Gent die Nummer Drei. In der von drei Türmen beherrschten Stadtkulisse leben an die 250.000 Einwohner. In Gent fließen die Flüsse Schelde und Leie zusammen. Die vielen historischen Bauten künden von Gents Geschichte und seinen Traditionen. Dennoch ist Gent eine „junge“ Stadt. Dafür sorgen allein Zigtausend Studenten.

Um Gent auf schnellstem Wege zu erreichen, lassen wir uns einen Mietwagen an den Pier stellen. Gent ist über die vorzügliche Autobahn in etwa einer Stunde zu erreichen. Gents Stadtverkehr überfordert uns nicht. Eine Stichautobahn führt weit in die Stadt hinein. Geparkt wird im bequem zu befahrenden Parkhaus unter dem Vrijdagmarkt nahe dem historischen Zentrum. Sogar die Parktarife sind im Vergleich zu deutschen Großstädten erträglich. Noch besser ist es, die Stadt im Rahmen einer Flusskreuzfahrt zu besuchen. TUI- und Viking-Flussschiffe machen mehrmals im Jahr Halt in der Stadt.

Sitz der TouristeninformationZuerst suchen wir die nahe gelegene Touristeninformation am Sint-Veerleplein auf. Die Information residiert hinter einer imposanten Gebäudefront in einem modernen Komplex über dem Ufer der Leie.Das vorliegende Informationsmaterial ist umfangreich und sehr aussagefähig. Vor allem der „Touristische Führer“, ein kleines Büchlein im Taschenformat, ist für eine Stadterkundung außerordentlich nützlich. Zwar richtet sich der Stadtführer vor allem an jene Gäste, die mehrere Tage die Stadt erkunden möchten. In lockerer Form werden jene Orte und Museen vorgestellt, die man gesehen haben sollte. Es sind die Punkte, die wir zuvor in mühsamer Arbeit aus dem Internet hervorkramten. Auf Stadtviertel, die es wert sind besucht zu werden, wird hingewiesen. Hinweise zu den Themen Essen und Shopping fehlen ebenfalls nicht. Perfekt! Aber viel zu viel für nur einen Tag.

Bevor wir starten, noch kurz ein paar Fakten zu Gent:

Zwischen 1000 und 1550 war Gent eine der bedeutendsten Städte Europas. Im 14. Jahrhundert zählte die Stadt mehr als 60.000 Einwohner. Mehr Menschen als London in jener Zeit aufzubieten hatte.

Die Stadt „leistete“ sich reich ausgestattete kirchliche und profane Bauwerke. Es sind vor allem „de drie Torens“, die Gent schon zur Zeit des Mittelalters berühmt und sehenswert machten. Von diesen drei Türmen werden wir auf unserem Rundgang noch Näheres zu sehen bekommen.

In beiden Weltkriegen wurde Gent weniger zerstört als andere Städte Europas. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass heutzutage noch mehr als 9.800 kulturhistorische interessante Bauwerke in Gent existieren.

Nun aber zum Rundgang. Ihn starten wir direkt am Tourismusbüro. Vom Sint-Veerleplein gehen wir über die „Enthauptungsbrücke“, die Hoofdbrug, das späte Mittelalter lässt grüßen, hinüber zur Burgstraat. Von der Brücke bietet sich zur rechten Seite hin ein guter Blick auf Gravensteen. Die drohende Festung diente über Hunderte von Jahren den Grafen von Flandern als sichere Wohnstätte.

Hoofdbrug - Die Enthauptungsbrücke     Gravensteen

Noch heute gilt sie als eine der größten Wasserburgen Europas. Wer Verliese, Folterkeller und Folterwerkzeuge liebt, ist mit Gravensteen gut bedient. Über fünfzehn Etappen werden Besucher durch die Burg geleitet. Von der Hoofdbrug lässt sich zur anderen Seite auch schon ein erster Blick auf den Belfried und die Sint Niklaaskerk erhaschen.

Niklaaskerk und Belfried

Wir folgen der Burgstraat. In der Jan Breydelstraat passieren wir das Design Museum. Ausgestellt werden vor allem Möbel und Gebrauchsgegenstände. Bei unserem nächsten Besuch werden wir Zeit fürs das Museum einplanen.

Die Korenlei Häuser an der GrasleiEinen Stopp machen wir an der Hooiaard-Brücke. An diesem Ort könnten wir zu einem Bootstrip starten. Da wir den ganzen Tag noch nichts Rechtes geleistet haben, gehen wir stattdessen die Korenlei entlang und betrachten die auf der anderen Seite, der Graslei, liegende Zeile wunderschöner Häuser. Bei diesem Anblick verfestigt sich der Gedanke, dass bereits im Mittelalter nicht gekleckert, sondern geklotzt wurde. Auch auf unserer Seite, der herrlich breiten Korenlei, liegen bestens restaurierte Gebäude. Beeindruckend ist das in einem Häuserensemble aus dem 16. Jahrhundert untergebrachte Ghent Marriott Hotel. Besonders hübsch finden wir das zum Hotel gehörende Restaurant Korenhuis, dessen Fassade zwei goldene Schwäne schmücken.

Marriott Hotel Gent     Restaurant Korenhuis

Sint MichielskerkDie Lei queren wir über die Sint-Michielsbrug. Rechts neben uns sehen wir die Sint-Michielskerk. Der Bau der in spätgotischem Stil errichteten Kirche wurde im Jahr 1440 begonnen. Er endete „bereits“ im Jahr 1825. Zum Bau sollte ein 134 m hoher Turm gehören. Wegen finanzieller Engpässe wurde dieses Vorhaben jedoch niemals vollendet. Bei 24 m Höhe war endgültig Schluss.

Blick auf Lei und GravensteenVom (erhöhten) Standort auf der Brücke können wir auch wieder zur Burg Gravensteen hinübersehen. Das sieht gut aus. Vor uns tut sich ebenfalls ein schöner Blick auf. Von der Brücke können die drei Türme in einer Linie wahrgenommen werden.

Vor uns liegen der Korenmarkt (zurzeit leider eine Baustelle) und die Sint-Niklaaskerk. Deren Architektur wirkt atemberaubend. Mit dem Bau der gotischen Kirche wurde im frühen 13. Jahrhundert begonnen. Über dem Kreuzungspunkt von Längs- und Querschiff erhebt sich ein gewaltiger viereckiger Turm. Dieser bildet zusammen mit dem Belfried und dem Turm der Sint-Baafskathedraal die vielfach gerühmte Skyline von Gent.- Kleinere Rundtürme bilden den seitlichen Abschluss der Kirche. Den Handwerkergilden wurden eigene Kapellen an der seitlichen Linie der Kirche eingeräumt.

Sint Niklaaskerk

Sint Niklaaskerk


Ein Blick zurück schadet nie. Das prächtige Gebäude mit den beiden Türmen, die heutige Post Plaza, ist das „alte Postamt“.

Das Alte PostamtErrichtet wurde es in neogotischem Stil zwischen 1898 und 1910. Es fügt sich gut in das historische Ambiente ein. Auffällig wirkt vor allem der achteckige Turm, der es von der Höhe her nicht mit den drei anderen aufnehmen kann.

 

Gildehaus der Steinmetze MoriskentänzerDer Sint-Niklaaskerk gegenüber steht ein mit Wappen verziertes Backsteingebäude. Es ist das im 16. Jahrhundert errichtete Gildehaus der Steinmetze. Der Bau lag lange Zeit hinter wenig attraktiven Fassaden versteckt. Erst 1976 wurde das inzwischen vergessene Kleinod wiederentdeckt. Auf dem Treppengiebel drehen sich sechs tanzende Teufel, Moriskentänzer, im Wind. Ein Kuriosum: Eine exakte Kopie des Hauses steht an der Graslei. Sie wurde anlässlich der Weltausstellung von 1913 erbaut.

Der Belfried von GentEin paar Schritte weiter stehen wir vor Gents 95 m hohen Belfried. Erbaut wurde er zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Rechnungen von Steinmetzen sollen dieses belegen. Gegen 1380 wurde der „Drache von Gent“ aufgesetzt. Damit war der Turmbau vorläufig abgeschlossen. In den folgenden Jahrhunderten wurden immer wieder notwendige Veränderungen an der Turmspitze vorgenommen werden. Der Turm darf bestiegen werden. Der Zugang zur Besteigung erfolgt über die Tuchhalle.

Der Belfried diente zum einen sehr praktischen Zwecken. Von der Höhe aus ließen sich Feinde und Brandherde gut ausmachen. Die verbrieften Privilegien der Stadt Gent wurden in einem geheimen Archiv im Turm aufbewahrt. - Zum anderen demonstrierte der Belfried symbolisch die Unabhängigkeit und die Handelsmacht, die die Stadt Gent zu ihrer Zeit in Europa einnahm. Der Turm und die angeschlossene Lakenhal, die Tuchhalle, gehören seit 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Der Drache von Gent

Der Drache von Gent


Sint BaafskathedraalDer Weg führt weiter zur Sint-Baafskathedraal, dem Sitz des Genter Bistums. Die dem Heilligen Bavo (Sint Baaf) geweihte Kathedrale ist an äußerer und innerer Größe bemerkenswert. Die Kanzel wurde aus Eiche und Marmor gefertigt. Die Orgel gilt als größte Orgel in den Beneluxstaaten. Das Fotografieren ist leider verboten. Selbstverständlich halten wir uns (beinahe) an dieses Gebot und lassen uns, ohne viel zu fotografieren,  von der Pracht des Kirchenschiffs und der vielen seitlich angeordneten Kapellen einnehmen. Die Krypta mit ihren Schätzen ist kostenlos zu besichtigen.

Decke des Kirchenschiffs     Kanzel

Für den in einer Kapelle hinter Panzerglas ausgestellten Genter Altar wird Eintritt erhoben. Zentrales Thema des Altars ist die Anbetung des Lamm Gottes. Das Kunstwerk wurde von den Gebrüdern Van Eyck geschaffen. An anderem Ort werden wir noch ein, diesen beiden gewidmetes Denkmal sehen. Ab Oktober 2012 wird der Altar über einen Zeitraum von fünf Jahren aufgearbeitet.

Unser nächstes Ziel ist Geraard de Duivelsteen, das im 13. Jahrhundert von „Geraard dem Teufel“ (so lautete der Beiname seines Erbauers) errichtete Schloss. Der tatsächliche Name seines Erbauers lautete Gerard Vilain. Das Bauwerk ist eines der ältesten in Gent. Im Lauf der Geschichte oblagen dem Schloss allerlei Funktionen. Gedacht als stattlicher Wohnort seines Erbauers, war es später Waffenkammer, Gefängnis, Schule, Konvent oder gar eine Irrenanstalt. In unserer Zeit ist das Schloss Heimstätte des Staatsarchivs. Das Gebäude kann nicht besichtigt werden. Allein der Lesesaal ist fürs Publikum geöffnet.

Geraard de Duivelsteen

Bevor wir das Schloss erreichen, passieren wir ein Hochschulgebäude und das bemerkenswerte, den Gebrüdern Van Eyck gewidmete Denkmal. Die Unterschrift weist die beiden zentral platzierten Figuren als Huberto et Johanni van Eyck aus. Beide arbeiteten am Genter Altar.

Hochschulgebäude     Gebrüder van Eyck Denkmal

HochschulgebäudeZurück zum Duivelsteen. An der westlichen Seite des Schlosses befindet sich eine größere Wasserfläche. An der schlendern wir entlang, bevor wir uns am Bisdomplein wieder in Richtung des alten Zentrums begeben. Zuvor würdigen wir noch ein am Wege liegendes, von der Wasserseite nahezu unvollendet wirkendes Bauwerk mit aufgesetzter Kuppel. Die Fassade wird unter anderem vom Äskulapstab geziert. Der Bau gehört zur Hochschule.

Lakenhal und RathausUnser nächstes Ziel ist das Rathaus am Botermarkt. Gents Rathaus, im Flämischen heißt so etwas „Stadhuis“, wurde zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert erbaut. Folglich mischen sich verschiedene Baustile. Auch den Nichtfachleuten fällt bezüglich der Fassaden der Kontrast zwischen Gotik und Renaissance auf. Das Rathaus darf im Rahmen von Führungen besichtigt werden.

Rathausfassade     Rathausfassade

NTGent Schauspielhaus

 

 

In Rathausnähe, am Sint Baafsplein, liegt das Genter Stadttheater. Korrekt heißt es NTGent. Das Kürzel steht für Nederlands Theater Gent. Unterhalb des Giebels zeigt ein Mosaik, wie man sich den Umgang Apollos mit den Musen vorstellen darf.

Apollos Umgang mit den Musen

Durch die wenig attraktive Hoogport geht es hinunter zum Groentenmarkt. Hier kommt zuerst das Grote Vleeshuis, die Fleischerhalle, in den Blick. Die Halle wurde zu Beginn des 15. Jahrhunderts errichtet. Seit dem 19. Jahrhundert wird an diesem Ort kein Fleisch mehr gehandelt. In unserer Zeit werden in der restaurierten Halle landestypische Produkte verkauft und ein Restaurant unterhalten. Nur die von der Decke hängenden Schinken erinnern noch an den ehemaligen Verwendungszweck.

De Grote Vleeshuis    

Café t'GalgenhuisNeben der Halle steht das winzig wirkende t’ Galgenhuisje. Der Name war Programm. Hinter dem Haus wurden in früheren Zeiten Exekutionen vollzogen. Heute residiert im Gebäude das kleinste Café Gents.

In der Einkaufsstraße Langemunt suchen wir uns ein nettes Restaurant, bevor wir zum Grootkanonplein weitergehen, um dort die Dulle Griet, anzusehen.

Die Dulle GrietDie „Tolle Grete“ ist ein 12½ Tonnen schweres Kanonenrohr. Das rot angestrichene Monstrum soll nie einen Schuss abgegeben haben. Dafür macht es sich prächtig in der umgebenden Stadtkulisse.

Von der Kanone gehen wir hinüber zur Zuivelbrugstraat und überqueren auch die kleine Brücke. Vor uns liegt die Kraanlei. Würden wir ihr nach links folgen, stünden wir wieder am Sint-Veerleplein, an dem wir unseren Stadtrundgang begonnen haben.

Blick von der Zuivelbrug     Haus an der Kraanlei

Wir verzichten darauf und wenden uns zurück. Nach einigen Schritten durch die Zuivelbrugstraat stehen wir wieder auf dem Vrijdagmarkt, unter dem unser Auto geparkt ist. Auf dem weitläufigen Marktplatz blicken wir noch einmal rund. Um den Platz herum reihen sich die Häuser, darunter sind viele Restaurants. Das Denkmal Jacob Van Arteveldes steht noch immer an seinem Platz. Der im 13. und 14. Jahrhundert lebende Unternehmer und Politiker setzte sich, bevor er von Andersdenkenden ermordet wurde, für enge Beziehungen zu England ein. Folglich weist sein rechter Arm in Richtung England.

Jacob van Artevelde weist die Richtung

Jacob van Artevelde weist die Richtung


Es hat uns gut gefallen im „alten“ Gent. Wir sehen an diesem Tag leider nichts von der hoch gerühmten, passiven Stadtillumination, für die Gent wiederholt prämiert wurde. Wir sehen auch vieles andere nicht. Das alles wäre Grund genug, die Stadt mit mehr Zeit im Gepäck, erneut zu besuchen.