Autor: Karl W. P. Beyer

cunard logo 150Im Jahr 2015 blickt die britische Traditionsreederei Cunard Line auf eine 175-jährige, wechselvolle Unternehmensgeschichte zurück. Den Anstoß zur Gründung der Reederei gab der im 1787 in Halifax/Nova Scotia geborene kanadische Geschäftsmann Samuel Cunard. Gemeinsam mit mehreren kapitalkräftigen Partnern gründete er die British & North American Royal Mail Steam Packet Company, die umgangssprachlich „Cunard Line“ genannt wurde.

Die industrielle Revolution in England, die Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse veränderte, bedingte ein funktionierendes Postwesen im In- und Ausland. Der Unternehmensgründung lag ein mit der britischen Admiralität geschlossener Vertrag zur Postbeförderung nach Übersee zugrunde. Der Kontrakt verpflichtete das Unternehmen zu 14-tägigen Fahrten im Sommer und 4-wöchentlichen Fahrten im Winter zwischen Liverpool in England und Halifax sowie Québec in Kanada. Diesen Service ließ sich die Krone 81.000 Pfund im Jahr kosten.

Queen Victoria im Hafen von Istanbul

Queen Victoria im Hafen von Istanbul


Der Postdienst startete im Jahr 1840 symbolträchtig mit dem Dampfschiff Britannia. Dieses war ein 63 Meter langer und 10 Meter breiter Schaufelraddampfer der neben Post maximal 115 Passagiere befördern konnte. Die Reise dauerte in westlicher Richtung 13 Tage und 6 Stunden. In östlicher Richtung benötigte das Schiff wegen der Wind- und Strömungsverhältnisse nur 11 Tage und 3 Stunden.

Aufriss der Britannia im Hafen von Halifax/Nova Scotia

Aufriss der Britannia im Hafen von Halifax/Nova Scotia


Im selben Jahr wurden als weitere Schiffe der Gesellschaft die baugleichen Acadia, Caledonia und Columbia in Dienst gestellt. Bis zum Jahr 1850 wurden weitere Neubauten in Auftrag gegeben. Im Lauf der 175-jährigen Firmengeschichte beschaffte das Unternehmen mehr als 180 Schiffe.

Cunard Building in Liverpool

Cunard Building in Liverpool


Getrieben vom Erfolg der Cunard Line kamen schnell ernstzunehmende Wettbewerber auf. Dies hatte zur Konsequenz, dass sich in jener Zeit die weltweite Fracht- und Passagierschifffahrt mit Dampfschiffen vehement entwickelte.

Die konkurrierenden Reedereien waren im Übrigen stetig bemüht, das „Blaue Band“ für die schnellste Atlantiküberquerung zu erobern. Anfangs stellte es kein Problem für die Cunard Line dar, sich das „Blaue Band“ zu sichern. Im Laufe der Zeit verloren Cunards Dampfer jedoch das „Blaue Band“, da die Stahlschiffe der Wettbewerber den aus Holz gefertigten Cunard-Schiffen technisch überlegen waren. Zu allem Übel verschlechterte sich die ökonomische Lage des Unternehmens, da die Subventionen für den Paketdienst auf nur noch 70.000 Pfund jährlich beschnitten wurden.

Queen Mary 2 in Southampton am Queen Elizabeth II Terminal

Queen Mary 2 in Southampton am Queen Elizabeth II Terminal


Zur Stärkung der Kapitalbasis wurde im Jahr 1877 die Cunard Steamship Company Ltd. in der Rechtsform einer Aktiengesellschaft gegründet. Später, zwischen den Jahren 1911 und 1916, übernahm das zwischenzeitlich gesundete Unternehmen mehrere britische Reedereien. Durch die Übernahmen stieg Cunard zu einem der weltweit größten Schifffahrtsunternehmen auf. Einen erneuten Einbruch brachte die Weltwirtschaftskrise zu Beginn der 1930er Jahre. Damals sah sich das Unternehmen gezwungen, mit der White Star Line zur Cunard-White StarLtd. zu fusionieren. Nach der Zusammenlegung und Zuführung frischen Kapitals wurde das Projekt der 80.774 BRT großen und 310 Meter langen RMS Queen Mary abgeschlossen. Auf sie folgte mit der RMSQueen Elizabeth ein noch größeres Schiff. Beide Schiffe wurden nach dem Zweiten Weltkrieg noch eine Zeitlang mit Erfolg eingesetzt.

Queen Mary 2 im Hafen von Brooklyn/NY

Queen Mary 2 im Hafen von Brooklyn/NY


Das Aufkommen des transatlantischen Luftverkehrs besiegelte allerdings das Ende des Passagier- und Postverkehrs per Schiff. Die Reederei konnte auf Dauer in ihrer alten Form nicht fortbestehen. Sie wurde zerschlagen. Reste des Unternehmens wurden im Jahr 1997 von der Carnival Corporation übernommen. Unter der Ägide von Carnival wird das Unternehmen als Premium-Marke geführt. Es setzt auf große Schiffe, die die britische Lebensart repräsentieren. Im Einzelnen sind dies:

Queen Mary 2

Taufe: 8. Januar 2004
Tonnage: 148.527 BRZ
Länge:                      345 Meter
Anzahl Kabinen: 1.310


Queen Victoria

Taufe: 10. Dezember 2007
Tonnage: 90.000 BRZ
Länge:                      294 Meter
Anzahl Kabinen: 995

 

Queen Elizabeth

Taufe: 11. Oktober 2010
Tonnage: 90.900 BRZ
Länge:                      294 Meter
Anzahl Kabinen: 1.045

 

Queen Mary 2 ist das Flaggschiff und zugleich älteste und repräsentativste Schiff der Flotte. Es versieht regelmäßig Liniendienste über den Atlantik in westlicher und östlicher Richtung. Auf dem Programm der Reederei stehen außerdem Weltreisen mit allen Schiffen und ausgewählte Kreuzfahrten in Europa, in Nord- und Südamerika sowie der Karibik.

Halifax - Sir Samuel Cunard - Sohn der Stadt

Halifax - Sir Samuel Cunard - Sohn der Stadt


Für seine Verdienste um Großbritannien wurde Samuel Cunard von Königin Victoria 1859 als 1. Baronet Cunard in den Adelsstand erhoben. Im Hafen von Halifax grüßt die Besucher ein Standbild des großen Sohnes und Wohltäters der Stadt. Auch ein Aufriss der Britannia ist dort zu sehen. An Bord der Queen Mary 2 darf das Konterfei des Firmengründers im Sir Samuel’s Café bewundert werden.

Queen Mary 2 - Sir Samuels Konterfei an Bord von Queen Mary II

Queen Mary 2 - Sir Samuels Konterfei an Bord von Queen Mary II

(Karl Beyer) Juli 2015